Der überragende Triumph der chinesischen Sportler bei der Olympiade hat der Welt gezeigt, dass das „Reich der Mitte“ auch in diesem Bereich unschlagbar geworden ist. China erfreut sich einer schon fünf Jahrtausende währenden Kultur und weist heute mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen die größte Volkszahl und das drittgrößte Gebiet in der Staatenwelt auf. Es verfügt über den mit Abstand größten Devisenschatz und schlägt im Export sogar Deutschland.
Von Kolonialmächten entrechtet
Über viele Jahrhunderte waren für die Chinesen Grundlage des Zusammenlebens die in den Gesprächen des Konfuzius formulierten fünf Beziehungen, u. a. Respekt vor den Älteren oder den Höherstehenden, zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Brüdern und zwischen Freunden. Die lange und große Geschichte des Reiches der Mitte ist nicht geprägt von chinesischer Schuld, sondern durch unsägliche Entsetzens?taten von Kolonialmächten.
Im 19. und 20. Jahrhundert beuteten zunehmend Großbritannien, Japan und die USA mit den niederträchtigsten Methoden China aus. Im Opiumkrieg (1840-42) erzwangen die Engländer im ersten der „Ungleichen Verträge“ die Öffnung des chinesischen Marktes für ausländische Waren und die Abtretung Hongkongs. 1858 musste China den Westmächten weitere diplomatische und wirtschaftliche Rechte einräumen. 1899 setzten die USA ihre kolonialistische „Politik der offenen Tür“ durch, die allen Staaten gleiche Handelschancen mit China garantierte.
Das Kaiserreich ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter, doch die Republik wird 1915 zur Annahme der 21 Forderungen Japans nach politischen und wirtschaftlichen Sonderrechten gezwungen. 1917 muss China an der Seite der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintreten. Schließlich hat Japan fünf Satellitenstaaten auf chinesischem Boden errichtet.
Keine Unterwerfung unter fremde Mächte
Nach der japanischen Kapitulation im Jahre 1945 flammt der mörderische Machtkampf zwischen den herrschenden Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek und den Kommunisten unter Mao Tse-tung wieder auf. Trotz Dutzender Milliarden Finanzleistungen und der Lieferung eines gewaltigen Waffenarsenals durch die USA geht Chiang Kai-shek unter. Seine Generale hatten die Korruption auf die Spitze getrieben u. a. durch Verkauf eines großen Teils der US-Waffen an die Kommunisten. 1949 fliehen die Reste seiner Truppen mit Chiang Kai-shek nach Taiwan und die Volksrepublik China wird gegründet.
Die ursprünglich engen Beziehungen Pekings mit Moskau brechen mehr und mehr zusammen. Denn aus der leidvollen Geschichte des Reiches der Mitte ziehen die Chinesen vor allem die Schlussfolgerung, sich unter keinen Umständen der Herrschaft fremder Mächte zu unterwerfen. 1960 müssen die sowjetischen Berater aus China abziehen. 1971 wird die Volksrepublik als Alleinvertretung des Reiches der Mitte in die Vereinten Nationen und den Weltsicherheitsrat aufgenommen. US-Präsident Nixon dokumentiert die neue Situation durch seinen spektakulären Staatsbesuch in der Volksrepublik. Es folgen Jahrzehnte dramatischer und verlustreicher innerchinesischer Kämpfe um die Führung des Landes und zugleich der fast kometenhafte Aufstieg zur Weltmacht.
Was kann uns trennen?
Die NATIONAL-ZEITUNG hat als erste Zeitung schon Mitte vergangenen Jahrhunderts die Anerkennung der Volksrepublik verlangt, wobei der CDU-Bundestagsabgeordnete Jakob Diehl in unzähligen Beiträgen der maßgebliche Schrittmacher war, während die CDU/ CSU-Bundestagsfraktion lange an ihrem antichinesischen Kurs festhalten wollte.
Die Kalkulation antichinesischer Kräfte, man könne die Tibet-Frage gerade aus Anlass der Olympiade zu einem grundlegenden Zerwürfnis nützen, schlug fehl. Gemäß der Maxime Bismarcks ist Deutschland nicht berufen und nicht legitimiert, in fremde Konflikte einzugreifen. Deutschland hat auch gegenüber China ein reines Gewissen und das weiß die chinesische Führung sehr wohl. Lediglich beim Boxeraufstand hat sich ein kleines Kontingent unserer Soldaten wegen der am 20. Juni 1900 in Peking erfolgten Ermordung des deutschen Gesandten Freiherr von Ketteler kurzfristig an dieser regional beschränkten Operation zur Niederschlagung der Revolte einer militanten Sekte beteiligt. Das mit 515 Quadratkilometern winzige Pachtgebiet Kiautschou genoss unter deutscher Kontrolle von 1897 bis zur Besetzung durch Japan 1914 einen außerordentlichen und oft bis heute fruchtbaren Aufstieg.
Keine elementaren Interessengegensätze
Nicht wenige Chinesen erfreuen sich seit langem der Ausbildung an deutschen Hochschulen und bleiben zeitlebens von dem, was sie in Mitteleuropa lernten, überaus angetan. Doch es gibt keinerlei Migrantenproblem durch Chinesen in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Österreich.
Es existieren auch keine Interessensgegensätze in Lebensfragen zwischen Peking und Berlin. Angesichts der weltweiten neokolonialistischen Bestrebungen der USA dürfte allerdings früher oder später der deutsche Militäreinsatz im an China angrenzenden Afghanistan zusätzlich auch für das deutsche Volk schreckliche Gefahren mit sich bringen. In Wahrheit ist hier Neutralität nach Schweizer Muster geboten, zumal wir uns militärisch außerhalb Mitteleuropas, wie uns die Geschichte lehrt, keinesfalls engagieren sollten.
Die Einkreisung Chinas oder auch Russlands oder auch des Iran widerspricht ganz und gar deutschen Interessen. Nützlich auch für unser Volk aber ist es, dass nun weitere Supermächte neben den USA hochkommen und den weltweiten Alleinherrschaftsanspruch Washingtons beenden.
Wer einmal die Karte des Großdeutschen Reiches nach dem Stand vom August 1939 mit der Karte der Bundesrepublik Deutschland von heute vergleicht, müsste erkennen können, dass eine Beschränkung der deutschen Außenpolitik auf Mitteleuropa und auf Neutralität das einzig Wahre und alles andere unverzeihliche Narrheit ist.
Dr. Gerhard Frey
(Bild: Ein Blick auf das heutige Shanghai. In diesem größten Wirtschaftszentrum Chinas leben 18 Millionen Menschen. Die Stadt besitzt den größten Hafen der Welt. 2010 wird in Shanghai die Weltausstellung zu Gast sein.)
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