Selbst unsere wirklich gut verdienenden Politiker schielen mittlerweile neidvoll auf die Manager großer Konzerne. Hessens Ministerpräsident Roland Koch sagt ganz offen, Politiker würden zu wenig verdienen. Dabei erhält er immerhin 14.300 Euro im Monat (12.600 Euro Amtsbezüge als Ministerpräsident und 1.700 Euro für sein Landtagsmandat). Er ist damit in guter Gesellschaft. Bundespräsident Köhler beispielsweise erhält 16.583 Euro im Monat, Bundeskanzlerin Merkel 19.300 Euro, Außenminister Steinmeier 12.800 Euro, Bundesinnenminister Schäuble 16.300 Euro (12.800 Euro Amtsgehalt plus 3.500 Euro Diätenbezüge als Abgeordneter). Von solchen Gehältern kann die große Mehrheit der Menschen nur träumen. Dass die Politiker unterbezahlt wären, kann man angesichts dieser Zahlen schwerlich behaupten.
Aber Politiker messen sich bekanntlich nicht gern mit dem gemeinen Volk (außer bei Wahlkampfveranstaltungen und Schönwetterreden). Was die Begehrlichkeiten eines Roland Koch weckt, ist eine kleine Gruppe von mächtigen Menschen, die zum Leidwesen mancher Berufspolitiker die Kunst des Schnell-Reichwerdens noch viel besser beherrschen: Die Manager von Aktiengesellschaften.
Immer noch dunkle Stellen
Noch vor wenigen Jahren war es außerordentlich schwierig bis unmöglich, exakte Zahlen über das Einkommen von Managern bei Aktiengesellschaften zu ermitteln. Immerhin wurde mit dem Vorstandsvergütungsoffenlegungsgesetz (VorstOG) im Jahr 2005 eine rechtlich bindende Grundlage für die Veröffentlichung der Managerbezüge geschaffen. Zwar versuchen manche Aktiengesellschaften bei der Veröffentlichung nach wie vor zu mauscheln. So gibt es erhebliche dunkle Stellen, was die Offenlegung etwa von Abfindungen und Übergangsgeldern anbelangt. Es kann doch zum Beispiel nicht richtig sein, klagt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), dass gerüchteweise Abfindungsansprüche von Managern in den Altersvorsorgebezügen versteckt werden. Gleichwohl ist jetzt ein einigermaßen exakter Überblick über die tatsächlichen Managergehälter bei den meisten deutschen Aktiengesellschaften möglich.
Und dieser Überblick hat es in sich. Nach den Zahlen für 2007 verdient jedes Vorstandsmitglied eines im DAX geführten Unternehmens durchschnittlich 2,926 Millionen Euro im Jahr. Gegenüber 2006 ist das eine Steigerung um 7,75 Prozent und entspricht einem Monatsgehalt von 243.000 Euro. Das hätte Roland Koch wohl gerne! Um eines klarzustellen: Das sind nicht etwa die Durchschnittsgehälter nur der Vorstandsvorsitzenden, sondern aller Vorstandsmitglieder, auch der einfachen. Die Vorstandsvorsitzenden verdienen entsprechend mehr. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, verdiente 2007 insgesamt 13,981 Millionen Euro. Pro Monat macht das 1,165 Millionen Euro – oder 38.304 Euro pro Tag. Viele Menschen wären froh, wenn sie das in einem Jahr verdienen würden.
Doch auch Josef Ackermann findet seinen Meister. An der absoluten Spitze der Manager-Gehaltsskala steht der Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking. Der Porsche-Vorstand insgesamt strich bereits 2006 mehr als 112 Millionen Euro ein. Wiedeking verdient nach Angaben aus Unternehmenskreisen mindestens die Hälfte davon, also rund 60 Millionen Euro, das sind rund 164.000 Euro pro Tag. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz geht für das Jahr 2007 sogar von einem Jahresverdienst des Porsche-Chefs in Höhe von 100 Millionen Euro aus. Das wären dann rund 275.000 Euro pro Tag. Einen immerhin zweistelligen Millionenbetrag verdiente 2007 auch Daimler-Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche.
Im Verdienst-Mittelfeld der Vorstandsvorsitzenden der 30 DAX-Aktiengesellschaften findet sich ein alter Bekannter: Klaus Zumwinkel von der Deutschen Post. Er bezog 2007 immerhin 4,311 Millionen Euro. Das entspricht einem Monatsgehalt von rund 360.000 Euro oder einem Tagessatz von 11.810 Euro. Was diese Zahlen besonders skandalös macht, ist nicht nur, dass Zumwinkel mittlerweile als Steuerbetrüger entlarvt wurde, sondern auch die Tatsache, dass sich gerade die Deutsche Post mit Zähnen und Klauen gegen die Einführung eines Mindestlohns gewehrt hat.
Neben den im DAX geführten Unternehmen gibt es noch zahlreiche andere Aktiengesellschaften in Deutschland. Die Einkommensliste der Vorstandsvorsitzenden der MDAX-Unternehmen wird angeführt von Puma-Chef Jochen Zeitz mit einem Jahresgehalt von 7,200 Millionen Euro (600.000 Euro monatlich), gefolgt vom Vorstandsvorsitzenden der Heidelberger Zement, Bernd Scheifele, der immerhin noch über ein Jahreseinkommen von 6,100 Millionen Euro (508.300 Euro Monatseinkommen) verfügt. Der Chef von ProSiebenSat.1 Media, Guillaume de Posch, nimmt sich dagegen mit einem Jahresgehalt von 2,157 Millionen Euro (oder im Vergleich läppischen 180.000 Euro pro Monat) fast schon wie ein armer Schlucker aus...
Gewinnoptimierung statt sozialer Verantwortung
Nun ist Deutschland ein Land, in dem hohe Einkommen nicht verboten sind. Nicht zuletzt im Sport- oder Showgeschäft werden zum Teil aberwitzige Gehälter gezahlt. Hier bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Wenn jemand viel verdient und sein Einkommen ordnungsgemäß versteuert, ist dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden. Was die Sache bei den Managergehältern aber problematisch macht, ist der Umstand, dass sich die Höhe der Managergehälter zu einem erheblichen Teil an kurzfristigen Gewinnen des Unternehmens ausrichtet. Wer beispielsweise viele Angestellte entlässt und dadurch Kosten einspart, wird mit seinem Gehalt belohnt. Es kommt also für einen Manager nicht darauf an, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen sowie das Beste für seine Angestellten herauszuschlagen. Selbst langfristige Perspektiven des Unternehmens zählen in der Regel nicht sonderlich stark, sondern überwiegend nur der kurzfristige Geschäftserfolg. Gewinnoptimierung lautet das Gebot der Stunde. Mindestlöhne beispielsweise, um den Angestellten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, stören da nur.
Zur Verdeutlichung: Die Gesamtvergütung eines Vorstandsmitglieds setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen:
1. Fixgehalt und Zusatzleistungen
2. Variable Barvergütung
3. Aktienkursbezogene Vergütungsbestandteile
4.Versorgungsleistungen
5. Einmalzahlungen
Wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz berichtet, beträgt der Anteil der Fixvergütung, also Grundgehalt und Zusatzleistungen wie beispielsweise Dienstwagen, bei DAX-Unternehmen durchschnittlich gerade einmal 26 Prozent. Der Anteil der variablen Barvergütung hat mit 56 Prozent der Gesamtvergütung das stärkste Gewicht. Dieser variable Bonus ist in der Regel gekoppelt an Gewinngrößen wie das EBIT (Gewinn vor Steuern und Zinsen) oder das Konzernergebnis. Damit lohnt sich für einen Manager nichts so sehr wie die kurzfristige Gewinnmaximierung. Soziale Verantwortung für die Mitarbeiter bleibt dabei nur allzu leicht auf der Strecke.
Kritik des Bundespräsidenten
Zu Recht geißelte Bundespräsident Köhler Ende vergangenen Jahres die teilweise maßlosen Gehälter der Manager. Mit deutlichen Worten warnte er die Manager davor, mit übertriebenen Gehaltsforderungen den sozialen Frieden im Land zu gefährden. Ihm mache die auseinanderklaffende Einkommensentwicklung in Deutschland und eine zunehmende „Entfremdung zwischen Unternehmen und Gesellschaft“ Sorge. Gegenüber dem Handelsblatt sagte der Bundespräsident: „Die Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft müssen begreifen, dass ihr Verhalten Auswirkungen auf den Zusammenhalt der Gesellschaft hat.“
Aufsichtsräte und Aktionäre forderte der Bundespräsident auf, dafür zu sorgen, „dass Manager in ihren Einkommensvorstellungen nicht die Bodenhaftung verlieren“.
Deutschland brauche „moralische Führung durch redliche Unternehmer“. Er forderte eine „Kultur der Mäßigung und des Vorbilds in den Führungsebenen unserer Unternehmen“. In der Bevölkerung gebe es das „nachvollziehbare Gefühl, dass etwas nicht stimmt, wenn die Einkommen der einen stark steigen, die der anderen dagegen eher stagnieren“. Managern müsse klar sein, dass gute Unternehmensführung nicht allein durch Renditeziele bestimmt werde. Sozialer Friede sei allemal ein wichtiger Standortvorteil Deutschlands.
Ungehörte Appelle
Um gegen steigende Einkommensunterschiede vorzugehen, forderte Köhler eine Beteiligung der Arbeitnehmer an Ertrag und Kapital von Unternehmen. Köhler fügte hinzu: „Diejenigen, die hart arbeiten und sich an die Regeln halten, verdienen Respekt. Die Menschen in der Mitte der Gesellschaft erbringen den Löwenanteil dessen, was verteilt wird. Sie sollen erleben, dass sich ihr Beitrag auch für sie selber lohnt.“
Leider sind die Appelle des Bundespräsidenten praktisch ungehört verhallt. Geändert hat sich nichts. Es ist nunmehr höchste Zeit, dass der Gesetzgeber tätig wird, um wenigstens die schlimmsten Auswüchse unsozialer Gewinnoptimierung um jeden Preis bei Managern einzudämmen. Die gesetzliche Einführung von Mindestlöhnen ist ebenso eine denkbare Möglichkeit wie beispielsweise die Begrenzung der fiskalischen Absetzbarkeit der Vergütungen von Vorstandsmitgliedern als Betriebsausgaben.
Alexandra von Grothe-Friedrichstein
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