…hat möglicherweise die Nahrungsmittelindustrie ihre Hände im Spiel / Niemand braucht »Spongebob«
Ob in der Straßenbahn, im Café oder auf Spielplätzen - überall sind Eltern mit kleinen Zwischenmahlzeiten für ihre Sprößlinge zu sehen. Beim kleinsten Meckern der Kinder herrscht Zwangspause - Kekse, eine Brezel vom Bäcker oder doch lieber eine Milchschnitte?
Essen hilft überall, an der Warteschlange im Supermarkt, beim Arzt oder im Kaufhaus. Es scheint, als wollten die Mütter von heute die Stillzeit fortsetzen. Tischmahlzeiten sind ausgestorben. Der Grundstein für die moderne »Snack-Kultur« ist bereits gelegt. Das gemeinsame Essen am Tisch findet nur noch im Hort oder im Kindergarten statt. Die Fürsorge und Geborgenheit, die Kinder für ihre Entwicklung brauchen, sucht man vergeblich. Schnell ist der Schritt zur Selbstversorgung getan.
Kinder empfangen dadurch aber nicht das notwendige Sicherheitsgefühl. Sie können sich nicht auf eine Bezugsperson verlassen, sondern werden ohne Vorwarnung in das reale Leben entlassen. Spaßvolle Produkte mit sogenannten »Give aways« beruhigen das Gewissen der Eltern und trösten die Kinder darüber hinweg, ihre Mahlzeiten sich selbst zubereiten zu müssen.
Aufregend gestaltete Produkte lenken ab und unterhalten. Sie vermitteln Nähe, während Mama und Papa noch in der Arbeit stecken, um ihre Karriereaussichten zu realisieren. Schuldgefühle werden dann mit einem McDonald´s Besuch bereinigt. Dieses verantwortungslose Verhalten lanciert die schlechte Entwicklung unserer Kinder. Mittlerweile sind von den drei- bis 17jährigen in Deutschland 15 Prozent übergewichtig und 6 Prozent fettsüchtig oder adipös. Ein ständiger Anstieg von Diabetes ist festzustellen, das es vor zehn Jahren in diesem Alter noch gar nicht gab. Und wer ist schuld?
Wendehals Seehofer
Wo Schuldgefühle Platz greifen, wird händeringend nach einem Schuldigen gesucht. Bundesminister Seehofer setzt auf freiwillige Nährwertangaben der Industrie und wälzt die Schuld auf die Bürgerinnen und Bürger ab. Der Minister stellte auf der größten Lebensmittelmesse »Anuga« sein »1 plus 4«-Modell vor. Verpackungen sollen zukünftig über den Kaloriengehalt einer Portion informieren. Außerdem sollen Angaben zu Fett, Zucker, gesättigter Fettsäure und Salz angegeben werden.
Bisher war Horst Seehofer als strikter Gegner der Ampelkennzeichnung bekannt. Vor einigen Wochen erst bezeichnete er die Ampelkennzeichnung, worin die Farben rot, gelb und grün auf den Gehalt an Fett, Zucker und Salz hinweisen, noch als irreführend. Der Bundesernährungsminister präferiert gegen den Willen der Verbraucher Zahlen statt Farben. Er sicherte der Lebensmittelindustrie in einem persönlichen Schreiben eine Nährwertkennzeichnung »in enger Abstimmung mit der Wirtschaft« zu. Wo bleibt hier die Verantwortung gegenüber den Wählern?
Nun die Kehrtwende: Pünktlich vor der bayerischen Landtagswahl kündigte Seehofer zum Ärger der Lebensmittelindustrie an, er werde sich für die Ampelkennzeichnung starkmachen. Dies allerdings nur auf europäischer Ebene. In Deutschland hält er weiter an dem schwer verständlichen »1 plus 4«-System fest, bei welchem die Kennzeichnung freiwillig ist. Ein national verbindliches System, so Seehofer, sei mit geltenden EU-Recht nicht vereinbar.
Der ausufernde Einfluß der Brüsseler EU-Kommision sowie des Wirtschaftslobbyisten Seehofer bestimmen die Zukunft zum Schaden der Verbraucher. Sicherlich muß der erste Schritt für eine gesunde Ernährung unserer Kinder von den Eltern kommen. Hierzu benötigt aber das Muttersein einen revolutionären Akt von Seiten der Politik. Wertschätzung ist das Schlüsselelement, das unserer Gesellschaft fehlt.
Als unerläßlich gestaltet sich hierbei die staatliche Honorierung der Mutterschaft. Nur mit entgegengebrachter Anerkennung finden Frauen zu ihrem Ursprung zurück und meistern die Rolle der Mutter gewissenhaft. Des weiteren wird kein »1 plus 4«-Programm Kinder davon abbringen, ungesunde Lebensmittel zu sich zu nehmen. Denn ob es die »Eis, Eis Pinguine« der Ferrero Werbung oder »Spongebob & Co.« sind, alle beeinflussen Kinder. Immer mehr Hersteller versuchen mit Kampagnen, die auf der Basis tiefgreifender psychologischer Aspekte konzeptioniert wurden, Kinder von ihren fragwürdigen Produkten zu überzeugen.
Das Wachstumscredo der globalisierten Wirtschaft
Ob das Produkt von schlechterer Qualität ist, interessiert letztlich keinen. Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum – so lautet das Credo der globalisierten Weltwirtschaft. Wer nicht wächst, wird geschluckt, und wer den einverleibten Brocken nicht verdauen kann, ist als nächster dran. Der ökonomische Erfolg steht vor der Verantwortung gegenüber unserer Gesellschaft, von seiten der Industrie ebenso wie von seiten der Politik.
Kinder und Jugendliche sind eine massiv umworbene Zielgruppe, denn sie sind leicht beeinflußbar, haben ihrerseits starken Einfluß auf das Einkaufsverhalten der Eltern, verfügen selbst schon über eine hohe Kaufkraft, und sie sind die Konsumenten von morgen mit dem heute geprägten Markenbewußtsein.
Fest steht: Kinder können sich nicht gegen Werbemanipulation wehren. Genau hier liegt die Verantwortung unserer Politik. Kinder sind zu schützen. Seehofer versucht es mit einem lapidaren »1 plus 4«-Modell. Zu fordern ist dagegen ein striktes Verbot von Kinderwerbung. Werden unsere etablierten Politiker mit der Thematik konfrontiert, berufen sie sich auf einige Ergebnisse der Werbeforschung.
Bedenklich erweist sich jedoch, daß die Auftraggeber der Untersuchungen meist TV-Anbieter wie Seven-One-Media oder IP Deutschland sind, denen natürlich daran liegt, möglichst viel Werbezeit zu verkaufen. Diese behaupten, daß Kinder autonome Persönlichkeiten sind, die natürlich von einem sozialen Kontext beeinflußt werden, die aber zuerst einmal eine eigene Meinung haben und über einen ausgeprägten eigenen Willen verfügen.
Richtig, jedoch kann ein Kind nicht einschätzen, ob Lebensmittel – angepriesen vom netten »Ronald Mc Donald«-Clown - gesund oder ungesund sind. Kinder können nur in engen rechtlichen Grenzen selbstständig als Kunden auftreten. Die in § 104 ff BGB beinhalteten Gesetze machen Geschäftsabschlüsse mit Minderjährigen von der Zustimmung des gesetzlichen Vertreters abhängig. Wäre da nicht der »Taschengeldparagraph«, welcher den Minderjährigen, die das 7. Lebensjahr vollendet haben, gestattet auch ohne Zustimmung des gesetzlichen Vertreters Produkte zu konsumieren.
Und wer schützt unsere Kinder?
Natürlich zeigt sich die Industrie somit bestärkt, Kinder als Zielgruppe zu benutzen. Insgesamt sollte es doch sehr zu denken geben, daß niemand daran Anstoß nimmt, wenn hinter der pädagogischen Maske Konzerne mit einseitigen wirtschaftlichen Interessen sogar Kindergärten als Werbeorte aufsuchen. Wieder einmal läßt sich die Lobby-Arbeit der Etablierten für namhafte Industriekonzerne erkennen. Kinder werden zum Opfer der einseitigen wirtschaftlichen Interessen des Großkapitals.
Naturgemäß durchschauen Kinder diese Thematik nicht und können sich auch nicht dagegen wehren. Es liegt letztlich an den Eltern, ihre Kinder zu schützen. Kinder brauchen keinen Spongebob und Co., um gesund aufzuwachsen. Man muß das Spiel der werbetreibenden Industrie nur durchschauen und jene Unternehmen belohnen, die durch Nachhaltigkeit, Qualität und gesunde Inhaltsstoffe Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen.
Irma Müller
Mitglied in der Gemeinschaft Deutscher Frauen.