Ende August gehen in Bayreuth nicht nur die diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele zu Ende. Der Mann, der 57 Jahre lang an der Spitze dieser einzigartigen Institution stand, zieht sich zurück. Über 1.200 Abende, wovon rund 450 unter seiner Regie standen, hat der dann 89-jährige Wolfgang Wagner dem Bayreuther Publikum geboten – ein weltweit einmaliger Rekord. Sein schönstes Abschiedsgeschenk dürfte es sein, dass es ihm gegen heftige Widerstände gelungen ist, seine Nachfolge innerhalb der Familie zu regeln.
Wolfgang, Enkel des genialen Komponisten Richard Wagner, gibt den Staffelstab an seine beiden Töchter Katharina Wagner (30) und Eva Wagner-Pasquier (63) weiter. Alles spricht dafür, dass der Stiftungsrat der Festspiele bei seiner Sitzung am 1. September dieser Lösung zustimmen wird. Wolfgang Wagner, der einen Vertrag auf Lebenszeit besitzt, hat davon seinen Rücktritt abhängig gemacht.
Wolfgang Wagners Einlenken
Während der Stiftungsrat zunächst Eva Wagner-Pasquier, Wolfgang Wagners Tochter aus erster Ehe, mit der alleinigen Leitung der Festspiele betrauen wollte, favorisierte Wolfgang Wagner Katharina, seine Tochter aus der zweiten Ehe mit Gudrun Wagner. Es kam zur Blockade, weil Wolfgang Wagner ungeachtet seines hohen Alters nicht zurücktreten wollte. In einem Brief vom April dieses Jahres an den Stiftungsrat teilte Wolfgang Wagner überraschend mit, er könne sich auch gut eine Doppelspitze aus seinen Töchtern Katharina und Eva vorstellen.
Die beiden Halbschwestern erarbeiteten daraufhin ein gemeinsames Konzept für die Leitung der Festspiele, das den Stiftungsrat überzeugt zu haben scheint. Aus dem Rennen ist damit Nike Wagner (63), Tochter von Wolfgang Wagners Bruder Wieland. Die Leiterin des Weimarer Kunstfestes und linke Musikwissenschaftlern wollte erklärtermaßen das Werk Richard Wagners „entrümpeln“ und „umdeuten“, was vermutlich das traditionelle Wagner-Publikum vertrieben hätte.
Die jetzt gefundene Lösung dürfte bei den Wagner-Freunden überwiegend auf Zustimmung stoßen. Katharina Wagner hat als Regisseurin an mehreren Häusern schon vielbeachtete und teils hochgelobte Inszenierungen abgeliefert. Unter ihrer Regie liefen die Wagner-Opern „Der Fliegende Holländer“ (Würzburg 2002), „Lohengrin“ (Budapest 2004), „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Bayreuth 2007 und 2008) sowie Lortzings „Der Waffenschmied“ (München 2005) und Puccinis „Il trittic“ (Berlin 2006). Ihrem Vater war Katharina schon seit längerem, erst recht nach dem Tod ihrer in der Bayreuther Leitung tätigen Mutter Gudrun im vergangenen November, eine große Stütze. Den Bayreuther Betrieb kennt sie in- und auswendig.
Neue Ideen für Bayreuth
Auch Eva Wagner-Pasquier kann auf einschlägige Erfahrungen zurückblicken. Sie arbeitete als Direktorin beim Covent Garden in London und als Programmdirektorin an der Pariser Bastille-Oper. Ferner übernahm sie die künstlerische Beratung für die Festspiele in Aix-en-Provence, die sie bis heute innehat. Früher arbeitete sie als Regieassistentin ihres Vaters in Bayreuth, mit dem sie sich nur deshalb zwischenzeitlich überwarf, weil sie nach dessen Scheidung von ihrer Mutter zu dieser hielt.
Katharina Wagner gelang es mit neuen Ideen schon bei den diesjährigen Festspielen, auch ein Publikum anzusprechen, das bislang wenig bis kein Interesse an Opern zeigte. So organisierte sie in Bayreuth eine Übertragung der „Meistersinger“ auf eine Großleinwand nach dem Muster der vergangenen Fußball-Welt- und Europameisterschaften, was auf eine riesige Resonanz stieß. Gleichzeitig wurde die Aufführung über das Internet live verbreitet. Bereits im vergangenen Jahr gründete Katharina die BF-Medien GmbH zur medialen Verwertung der Festspiele.
Die designierte neue Bayreuther Festspielleitung ist also auf einem guten Weg. Die Sicherstellung der Finanzierung des aufwändigen Kulturbetriebes wird nämlich das zentrale Problem der Zukunft sein. Das jährliche Budget von derzeit 14 Millionen Euro wird zwar überwiegend mit einer Eigenfinanzierungsquote von 60 Prozent finanziert, was im internationalen Vergleich unglaublich viel ist, den seit vielen Jahren eingefrorenen öffentlichen Subventionen stehen aber massiv steigende Kosten gegenüber. Neue Wege der Geldbeschaffung müssen daher beschritten werden. Die öffentliche Hand aber sollte bedenken, dass die Bayreuther Festspiele als weltweit in hohem Ansehen stehendes Kulturereignis dem deutschen Namen eine in Geld nicht auszudrückende Geltung verschaffen.
Bruno Wetzel
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