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Setzt ein Israel-Agent die Welt in Brand?

Was Geert Wilders („Fitna“) wirklich will

In deutschen Medien ging es trotz all der Aufregung um Geert Wilders und seinen weltweit umstrittenen Kurzfilm „Fitna“ gegen den Koran seltsamerweise völlig unter: Wilders ist ein extremer Parteigänger Israels, der nicht nur zwei Jahre dort gelebt hat, sondern schon über vierzig Mal in den Nahost-Staat gereist ist. Welche Ziele verfolgt der niederländische Politiker und Vorsitzende der „Partei für die Freiheit“ wirklich? Ist Wilders, wie in den Niederlanden offen diskutiert wird, gar ein israelischer Agent?

Wem nützt ein globaler Religionskrieg?

Dass es dem 44-jährigen Wilders um berechtigte Forderungen wie die nach einem Ende der Beitrittsverhandlungen der Europäischen Union mit der Türkei und nach Beschränkung der Einwanderung geht, ist nicht anzunehmen. Denn um diese Standpunkte mit Nachdruck zu vertreten, sind weder Beschimpfungen des Islam noch die von Wilders erhobene Forderung, den Koran zu verbieten, noch sein leidenschaftlich-einseitiges Eintreten für Israel erforderlich. Oder auch nur sinnvoll.

Sein Film mit dem arabischen Titel „Fitna“ (was soviel bedeutet wie: Zwietracht, Aufruhr, Heimsuchung) vermengt alles mit allem. Er eröffnet mit einer aus dem dänischen Karikaturenstreit bekannten Zeichnung, die Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe mit brennender Lunte zeigt. Im ersten Teil des Films werden Koranverse zitiert. Dazu werden Bilder von islamistisch motivierten Gewalttaten und Aufnahmen von fanatischen Predigern gezeigt. Der zweite Teil handelt von der Gefahr einer Islamisierung Europas. Am Ende des Films wird schriftlich die Aufforderung eingeblendet, die „islamische Ideologie“ zu bekämpfen.

Aber lässt sich Zuwanderung besser begrenzen, wenn ein religiöser Weltenbrand entfacht oder weiter angeheizt wird? Oder geht das nicht besser auf der Grundlage, dass jeder in seiner Hemisphäre nach seiner Fasson selig werden möge? Wer einwandern darf, ist die souveräne Entscheidung jedes Staates. Dazu bedarf es keines globalen Religionskrieges.

„Israel ist alles, wofür wir stehen“

Die israelische Tageszeitung „Haaretz“ berichtete am 11. Januar 2008, dass Wilders wieder einmal auf dem Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv zu einem seiner Besuche in Israel angekommen sei – „einem Land, das er als Heimat bezeichnet”: „Im Laufe der Jahre hat Wilders Israel Dutzende Male besucht, um sich mit Sicherheitsexperten, Politikern und alten Freunden zu treffen.“

Auch bei seinem jüngsten Besuch kam Wilders ins Schwärmen: „Wenn ich hier bin, bin ich bei meinem Volk, meinem Land, meinen Werten. Ich fühle mich hier mehr zuhause als in vielen anderen (!) europäischen Ländern. Israel ist eine Demokratie – es ist alles, wofür wir stehen.“ Wilders versäumte es nicht, sich von der in Belgien erfolgreichen flämischen Rechtspartei „Vlaams Belang“ zu distanzieren. Diese habe eine „antisemitische Geschichte“.

Er ließ es sich auch nicht nehmen, im Einklang mit israelischen Falken den im November 2007 auf der Nahost-Konferenz im amerikanischen Annapolis vereinbarten Friedensprozess abzulehnen, der auf eine Friedensregelung zwischen Israel und den Palästinensern bis Ende 2008 abzielt. Und natürlich durfte auch der Satz nicht fehlen: „Israel sieht sich einer existenziellen Bedrohung gegenüber.“

Die niederländische überregionale Tageszeitung „de Volkskrant“ berichtete schon am 10. April 2007 unter der Überschrift „Verliefd op Israël“ (Verliebt in Israel) ausführlich über Wilders und seine „Liebe für Israel“. Wilders hatte seiner aus Marokko stammenden sozialdemokratischen Parlamentskollegin Khadija Arib eine „doppelte Loyalität“ vorgeworfen. Dies nahm „de Volkskrant“ zum Anlass für die Feststellung: „Aber auch mit nur einem einzigen Pass kann man für die Belange eines anderen Landes eintreten. Gerne erzählt Geert Wilders, wie seine Liebe zu Israel begann. Mit 18 Jahren nahm er einen Job in einer Gurkenfabrik jenseits der deutschen Grenze an, um eine Reise nach Australien oder Israel machen zu können.“

„Bellende Deutsche“ und Arbeit im Moshav

Am liebsten wäre er nach Australien gegangen, aber um das Geld dafür zusammenzubekommen hätte er noch länger inmitten von – Zitat Wilders – „bellenden Deutschen in grauen Jacken“ Gurken in Gläser abfüllen müssen. Also entschied er sich für Israel.

Was als Reise geplant war, wurde zu einem Aufenthalt von zwei Jahren. Wilders arbeitete in Brotfabriken und einem Moshav. So bezeichnet man in Israel landwirtschaftliche Gruppensiedlungen auf staatlichem Grund. Anders als beim ansonsten nicht unähnlichen Kibbuz lebt und wirtschaftet jedoch jeder Siedler auf seinem Grundstück selbstständig.

Seine Liebe für Israel, die nach Wilders Aussagen „einzige Demokratie im ganzen Nahen Osten“, ist nicht mehr abgekühlt. Nach eigenen Angaben ist er inzwischen wohl über vierzig Mal im jüdischen Staat gewesen. Oft auf eigene Kosten, manchmal im Rahmen einer Parlamentsdelegation auf Rechnung der Zweiten Kammer, des einflussreichen niederländischen Unterhauses also. Ein paar Mal war er auch für die „Volkspartei für Freiheit und Demokratie“ (VVD) in Israel, der er bis zum September 2004 angehörte. Dort wollte er unter niederländischen Immigranten um Stimmen werben.

O-Ton Wilders bei einer Wahlansprache in Tel Aviv im Jahre 2003: „Aber nirgends habe ich dieses spezielle Gefühl von Verbundenheit, das ich immer wieder kriege, wenn ich auf dem Ben-Gurion-Flughafen meinen Fuß auf israelischen Boden setze“.

Ariel Sharon ist Wilders’ Vorbild

„Das Netzwerk, das Wilders in den letzten 25 Jahren im jüdischen Staat aufgebaut hat, ist beeindruckend“, schreibt „de Volkskrant“. Wiederholt betonte Wilders, dass er Ariel Sharon, Israels Premier von 2001 bis 2006, „viele Male“ begegnet ist. Und er geht noch weiter: „Sharon ist zusammen mit Margret Thatcher eines meiner Vorbilder“.“ Auch dessen Nachfolger, Ehud Olmert, kennt Wilders persönlich.

Bezeichnend ist eine in „de Volkskrant“ geschilderte Begebenheit anlässlich der Verleihung des „Scopus Award“ der Hebräischen Universität Jerusalem an den früheren Finanzminister Gerrit Zalm im Jahre 2001. Stolz berichtet Wilders: „Er, der Minister, saß neben einem Staatssekretär, und ich bei Sharon.“ Wer's mag...

2005 versuchte Wilders vergebens, das niederländische Parlament für die Einführung einer Administrativhaft nach israelischem Muster zu gewinnen. Dabei handelt es sich um eine Haft ohne Anklage oder Gerichtsverfahren, die auf dem Verwaltungsweg angeordnet wird und beliebig oft verlängert werden kann. Die Idee dazu stammte von einem vorangegangenen Israel-Besuch, bei dem er mit „Terrorismusexperten“ – das Wort ist nicht umsonst doppeldeutig – zusammengetroffen war. Manfred Gerstenfeld vom „Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA) freut sich: „Wilders sieht in Israel ein Bollwerk, ein leuchtendes Vorbild.“

Gespräche im Mossad-Hauptquartier

Keine Tür in Israel bleibe für ihn geschlossen, brüstet sich Wilders. Sei es im israelischen Außenministerium, sei es beim Mossad. Unter Berufung auf seine Gespräche mit hohen Funktionären im Mossad-Hauptquartier behauptete er 2004, dass der Mossad den niederländischen Inlandsgeheimdienst AIVD davor gewarnt hätte, dass Terrorzellen unter anderem in den Benelux-Staaten über chemische Waffen verfügten.

Seit Wilders 1998 in die Zweite Kammer kam, hat er sich in zahlreichen parlamentarischen Initiativen für die Interessen Israels eingesetzt. Mit Vorwürfen an die Nachbarn des Judenstaats wird dabei nicht gespart. Am 17. Juli 2006, fünf Tage nach Beginn der großangelegten israelischen Offensive im Libanon, die fast eine Million Menschen zur Flucht zwang, forderte Wilders beispielsweise den Außenminister auf, namens der niederländischen Regierung öffentlich „Unterstützung für und Solidarität mit Israel und dem israelischen Kampf gegen den Terrorismus“ auszusprechen. Zum Vergleich: Die Schweizer Außenministerin Calmy-Rey verurteilte am 20. Juli 2006 den Angriff auf den Libanon als eindeutig unangemessen, zumal er in großem Maße unbeteiligte Zivilisten und zivile Einrichtungen treffe.

Parlamentskollegen beschreiben Wilders nicht nur als Freund, sondern geradezu als Anwalt Israels. In seiner früheren Partei VVD hegt man sogar die Vermutung, dass Wilders’ parlamentarische Anfragen teilweise in der israelischen Botschaft in Den Hag entstehen, was Wilders zurückweist. Unbestritten ist, dass Wilders als VVD-Abgeordneter lange Zeit einen Mitarbeiter hatte, der direkt von der israelischen Botschaft kam: Elliott Wagschal. „Wilders steht dicht bei Israel“, formuliert es vorsichtig Frans Weisglas, von 2002 bis 2006 Parlamentspräsident.

„Sind Sie ein Agent für Israel?“

Im September 2007 sonderte Wilders in einem Interview mit „Radio Nederland Wereldomroep“, dem Auslandsdienst des Niederländischen Rundfunks, wieder einmal seinen Standpunkt ab, die einzige Demokratie im Nahen Osten sei Israel. Daraufhin sagt der Interviewer: „Manchmal wird suggeriert, dass Sie ein Agent für Israel seien“. Dazu entgegnet „Meneer Wilders“ nur: „Unsinn. Ich kriege auch meine Informationen nicht allein aus Israel.“ Und den Koran habe er schon 15-mal gelesen.

Trotzdem sieht Buchautor und Burda-Vize Jürgen Todenhöfer bei Wilders eine „erschreckende Unkenntnis einfachster Fakten“. Todenhöfers Auffassung nach ist der Westen viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Beim Vergleich der Texte erweise sich der Koran als mindestens so tolerant wie das Alte und das Neue Testament. In allen drei Schriften drückten sich Gott und seine Propheten teilweise sehr martialisch aus. Bei oberflächlicher Betrachtung wäre, meint Wilders-Kritiker Todenhöfer, das Alte Testament in seinen historischen Ausführungen das blutigste der drei heiligen Bücher – viel blutiger als der Koran. Angesichts der Kriegspolitik des Westens sei es allerdings nicht erstaunlich, dass muslimische Extremisten Zulauf bekommen. Diese seien aber nicht repräsentativ für den Islam.

Einen neuen Fan hat Wilders dagegen in dem zionistischen Kolumnisten Henryk M. Broder gefunden: Wilders sei ein „Dokumentarist, der die Wirklichkeit verdichtet“. Jetzt werde er „auf dem Altar der Appeasement-Politik geopfert“. Das soll ein Schimpfwort sein. „Appeasement“ jedoch ist wortverwandt mit „peace“ und „paix“ – Frieden. Und den wollen Leute wie Wilders und Broder nicht. Krieg mit 1,2 Milliarden Moslems aber ist für klar denkende Menschen keine Alternative.

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