Als Japans neuer Ministerpräsident Yukio Hatoyama im September mit einer Koalition aus seiner Demokratischen Partei, der Neuen Volkspartei und den Sozialdemokraten die jahrzehntelange Herrschaft der Liberaldemokraten beendete, kündigte er an, fortan einen außenpolitisch selbstbewussten Kurs zu fahren und den Vereinigten Staaten auf Augenhöhe statt in Servilität entgegenzutreten. Insbesondere die Militärbasen der US-Armee in Japan gehören nach Ansicht der Mitte-Links-Regierung Hatoyamas auf den Prüfstand. Damit nehmen die neuen Regierenden jenen breiten Protest der Bevölkerung auf, der sich vor allem gegen die riesigen Militärstützpunkte der Amerikaner auf Okinawa richtet. Mehr als 20.000 Menschen demonstrierten kürzlich gegen die US-Truppenpräsenz auf der Insel, die 1945 im Pazifikkrieg Schauplatz einer ebenso verzweifelten wie blutigen Abwehrschlacht der Truppen des Tennos gegen die anstürmenden Amerikaner war.
SCHLACHTFELD OKINAWA IM PAZIFIKKRIEG
Vom April bis in den Juli 1945 erlebte Okinawa den letzten Versuch der Japaner, das Vorrücken der amerikanischen Truppen in das Herz des Mutterlandes zu stoppen und einen entscheidenden Sieg über die US-Pazifikflotte zu erlangen. Die Schlacht endete allerdings mit einer verheerenden Niederlage jener 120.000 japanischen Soldaten in Eliteverbänden unter dem Kommando von Generalleutnant Mitsuru Ushijimas, die den Befehl hatten, die letzte Bastion Japans im Pazifik bis zur letzten Patrone zu verteidigen.
Der Preis für den amerikanischen Sieg auf Okinawa war hoch. Mit insgesamt 183.000 Mann begann die US-Armee am 1. April, die Insel zu erstürmen. Am Ende hatten die USA rund 7.300 Tote und 31.400 Verwundete bei den Landungstruppen sowie 5.000 Tote und ebenso viele Verwundete bei der Marine zu beklagen. An Kriegsmaterial gingen 36 Schiffe und 763 Flugzeuge verloren, 368 Schiffe wurden beschädigt. Die Japaner verloren 113.000 Mann, also fast alle, und 7.800 Flugzeuge, vor allem bei Kamikaze-Einsätzen – ein schier unfassbarer Verlust an Mensch und Material! Aufgrund der hohen Verluste und des tapferen Kampfes der Soldaten Nippons in dieser wohl größten Seeschlacht aller Zeiten, ist Okinawa als „Insel des Todes“ ins kollektive Gedächtnis der japanischen Nation eingemeißelt.
STEIN DES ANSTOßES: MILITÄRFLUGHAFEN FUTENMA
Umso mehr schmerzt es die nationalbewussten Japaner, dass auf Okinawa heutzutage mehr als 20.000 US-amerikanische Soldaten stationiert sind, die vor allem als Sieger und Besatzertruppen wahrgenommen werden. Mitten in der Stadt Ginowan – zwischen dicht besiedelten Wohngebieten – haben die USA ihren Militärflughafen Futenma errichtet. Dort, wo sich Krankenhäuser, Schulen, Altenheime und Kindergärten in direkter Nähe befinden, haben die Menschen jährlich rund 45.000 Starts und Landungen von Flugzeugen zu erdulden. Der Lärm ist unerträglich, und viele Menschen fürchten um ihre und die Sicherheit ihrer Kinder, wenn sich mitten in Wohngegenden eine militärische Anlage der USA befindet, die bei Freund wie Feind als wichtiger geostrategischer Brückenkopf bekannt ist.
Selbst Obamas Asien-Berater Geoffrey Bader hat mittlerweile durchblicken lassen, dass die Zukunft Futenmas ungewiss ist. Schon 2006 hatten sich die USA und Hatoyamas Vorgänger Koizumi auf einen Kompromiss geeinigt: Ein Drittel der rund 25.000 auf Okinawa stationierten US-Soldaten soll abgezogen und auf die Pazifikinsel Guam verlegt werden. Die auf Okinawa verbleibenden Truppen sollen an einen abgelegeneren Teil der Insel verbracht werden. Allerdings hat Hatoyama bereits klargestellt, dass er am liebsten gar keine US-Soldaten mehr auf Okinawa sehen möchte. Seine Regierung folgt ihm in dieser Ansicht – und mit ihr die überwältigende Mehrheit des japanischen Volkes, das genug hat von der Allgegenwärtigkeit des US-Militärs. Der Ministerpräsident stellte unlängst klar, dass er allein zu entscheiden habe, wie bei der Frage um die Truppen und Flugplatzverlegung zu verfahren sei – und spätestens bis nächsten Sommer soll eine Entscheidung gefallen sein.
ERSTER SCHRITT ZUM ABZUG ALLER US-TRUPPEN?
Der neue Ton, den die Regierung in Tokio gegenüber den USA anschlägt, ist mehr als erfrischend und zeigt auf, dass es heutzutage durchaus möglich ist, nationale Interessen mit Nachdruck zu vertreten – auch gegenüber einer angeschlagenen Weltmacht, die sich in mehreren Kriegen rund um den Globus verzettelt hat. Seit Ende des Krieges betrachteten die Amerikaner das Land, das sie einst mit dem Atombombeninferno von Hiroshima und Nagasaki sowie dem verheerenden konventionellen Angriff auf Tokio, bei dem Hunderttausende ihr Leben ließen, in die Knie zwangen, als eine Art Protektorat. Lange Zeit fand dies aus sicherheitspolitischen Gründen Akzeptanz auch beim japanischen Volk, da man sich aufgrund der geografischen Nähe zu China und Nordkorea einer kommunistischen Bedrohung ausgesetzt sah.
Doch mittlerweile haben sich auch in Fernost die Zeiten geändert. Viel störender als das vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet aufstrebende China oder der so genannte „Schurkenstaat“ Nordkorea wirkt die anhaltende Präsenz US-amerikanischer Truppen im eigenen Lande. Daher wäre es ein wichtiges Zeichen neuen Selbstbewusstseins, käme es unter der neuen Regierung Hatoyamas nicht nur zu einer Verlegung des Militärflughafens auf Okinawa, sondern zu einer Schließung sämtlicher militärischer Einrichtungen der USA auf der Pazifikinsel – und zwar als erster Schritt zum Abzug aller US-Truppen aus Japan.
Thorsten Thomsen
Bild: SOUVERÄN - Yukio Hatoyama, Vorsitzender der Demokratischen Partei (DPJ) und seit dem 16. September 2009 japanischer Premierminister. (Foto: World Economic Forum / Kaori Nishida, cc-by-sa 2.0)
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