Sonntagmorgen, halb sechs. Vor der Roten Flora streitet sich ein schwarz-weißes Pärchen. Er 23, sie 18 Jahre alt.
Aus der Roten Flora kommen ein paar Leute und mischen sich ein. Dem Schwarzen wird Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Vielleicht hat er auch – wie erste Meldungen sagten – mit einem Messer herumgefuchtelt. Vielleicht kam das mit dem Messer allerdings erst später. Denn als er flieht, wird er bis zu seiner nahegelegenen Wohnung verfolgt und weiter mit Reizgas besprüht.
Inzwischen trat die Polizei auf dem Plan, mit zwei Streifenwagen. Das Erscheinen der Polizei in der Nähe der Roten Flora ist offenbar immer problematisch. Für beide Seiten. Flora-Aktivisten fühlen sich davon provoziert oder bedroht und sind bei entsprechendem Kräfteverhältnis dann auch gern mal bereit, die Polizeibeamten anzugreifen. Dies geschieht, als die Polizei den Mann mit dem Pfefferspray festzunehmen versucht. Steine und Flaschen fliegen, eine Beamtin wird leicht verletzt, die Scheibe eines Streifenwagens geht zu Bruch. Die Beamten ziehen sich ein wenig zurück - und die Floristen ebenso. Dann mobilisieren beide Seiten Verstärkung. Die Beamten sind im Mobilisieren besser. Während nach einiger Zeit 250 Unterstützer – oder vielleicht auch nur Schaulustige – auftauchen, bringt die Polizei 370 Mann, Wasserwerfer und schweres Gerät heran. Türen des Flora-Gebäudes werden aufgeflext und 13 Mann vorläufig festgenommen.
Auslöser war – nur zur Erinnerung – ein Beziehungsstreit, von dem noch nicht einmal völlig klar ist, ob er nur lautstark oder möglicherweise auch gewalttätig war.
Die erste Runde ging dank professionellerer Mobilisierungsarbeit an die Polizei, aber das stachelt natürlich den Ehrgeiz der autonomen Linken an. Also war für den Abend Demonstration angesagt.
Auch hier gaben sich beide Seiten wieder viel Mühe. Die Polizei mit angeblich vier Hundertschaften und ein paar Wasserwerfern, die Linken mit etwa 500 Demonstranten, später durch Zuzug angeblich 600 bis 700. Es gab vereinzelt Rangeleien, und jede der beiden Seiten bezichtigte später die andere der Provokation und der Eskalation. Größere Ausschreitungen blieben aus.
Später am Abend allerdings ziehen Randalierer dann durch das Schanzenviertel bis nach Eimsbüttel und richten massiv Schaden an: Nicht nur Mülltonnen und Baumaterial werden in Brand gesteckt und Barrikaden gebaut, sondern auch zwei Autos mit Molotow-Cocktails angezündet und die Scheiben einer Filiale des Stromversorges „Vattenfall" eingeworfen. Die gesamte Schadenshöhe wird auf 100.000 Euro geschätzt. Die Polizei nimmt vier Personen fest, die mit Brandbeschleuniger unterwegs waren, darunter drei sogenannte Punks.
Wie gesagt, ausgelöst von einem Beziehungsstreit, verschärft durch eine verletzte Polizistin, aufgeflexte Türen und dreizehn vorläufige Festnahmen.
So weit kommt es also, wenn Multikulti und ein relativ rechtsfreier Raum wie die „Piazza" vor der Roten Flora aufeinanderprallen.
Bemerkenswert an dem Vorfall ist, daß er die zwiespältige Lage verdeutlicht, in der die extreme Linke ist. Sie sind militante Antirassisten, aber auch ebensolche Antisexisten. Wie unangenehm muß es da sein, den Schwarzen als den Übeltäter zu verorten und ihn angreifen und durch die Straßen hetzen zu müssen. Auf der anderen Seite: Wie schön, daß man Antirassist ist; dann kann einem nicht unterstellt werden, eine ausländerfeindliche Hetzjagd unternommen zu haben. Man hat den Schwarzen ja nicht angegriffen, weil er schwarz ist, sondern weil er ein Sexist ist und weil man selbst antisexistisch ist.
Gegen zuviele Dinge militant „anti" zu sein, kann schon manchmal ganz schön anstrengend werden. Und dann sind letztlich tausend oder mehr Leute auf der Straße, die einen dienstlich, die anderen aus antirepressivem Engagement - schon wieder ein "anti". Der Verkehr kommt zum Erliegen, die Rolläden werden heruntergelassen, und vorbei ist es mit einem geruhsamen Sonntagabend.
Übrigens nicht nur in Hamburg, denn auch in mehreren anderen Städten solidarisierten sich linke Demontranten mit der Roten Flora. In Berlin und Hannover sollen es jeweils um die 50 gewesen sein, in Düsseldorf 60.
Die linke Szene im Schanzenviertel hat generell ein kleines Problem mit bestimmten Schwarzafrikanern. Das liegt daran, daß der Drogenhandel im Schanzenpark und der Umgebung vornehmlich in den Händen von Schwarzen liegt. Und die Linken sind davon nicht unbedingt begeistert. Die Vertreter der "legalize-it"-Richtung sind nicht so stark, seitdem sie gemerkt haben, daß wirksame Drogen schon so viele von ihnen in den völligen Absturz getrieben haben. Auch die alten 68-er sind keine jugendlichen Rebellen mehr, sondern oftmals gestandene Familienväter, die ihre Kinder vor den teilweise schmerzlichen Erfahrungen bewahren wollen, die sie selbst oder ihre damaligen Genossen in früheren wilden Zeiten gemacht haben.
Das alles ist eine interessante Mischung, die das linke Lebensgefühl zumindest teilweise auf den Kopf stellt. Wie titelte Klaus-Rainer Röhl sein Buch? Linke Lebenslügen!
Und da wird dann auch schon mal ein Schwarzer von Antirassisten durch die Straßen gehetzt, weil er gegenüber einer weißen Frau aggressiv oder gar gewalttätig geworden ist.
Das Pärchen, das Auslöser all dieser Ereignisse war, soll sich nach Zeitungsberichten schon am Vormittag wieder vertragen haben. Es ist nur zu hoffen, daß sie sich künftig nicht mehr in der Öffentlichkeit streiten, vor allem nicht in der Umgebung der Roten Flora...