Kosmetik der Kidnapper

Entführungen in Haiti nehmen wieder zu


Kosmetik der Kidnapper

(News4Press.com) Sie sind ganz schön herausgeputzt, tragen Kravatte, ein gebügeltes Hemd und sauber gewichste Schuhe, kurz Sonntgskleidung, das gehört sich doch. Und sie werden immer dreister. Und immer anspruchsvoller. Ich habe von Fällen gehört, wo sie Bedingungen von den "Opfern" verlangt haben. Auch wo diese einfach wieder frei gelassen wurden, ohne dass eine Forderung gestellt wurde. Sie Entführer scheinen sich auf Rendite einzuschiessen.

Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Entführungen gar nicht erfolgen, sondern inszeniert werden. Vielleicht wird die eigene Familie erpresst, vielleicht gar niemand - man will sich einfach ins Gespräch bringen. Alles blosse Vermutungen. Viel Theater um nichts. Die echten oder sogar tragischen Fälle kommen bestimmt auch vor.

Ich selber habe zum Glück wenig Entführungserfahrung. Immerhin habe ich zwei derartige Versuche überlebt. Macht einen pro zehn Jahre, ist ja "nicht viel".

Der erste war ein fingierter "Unfall" im oberen Teil der Hauptstadt. Der Verkehr war dicht, Ein gespielter "Betrunkener" "stürzte" in meinen im Fussgängertempo vor- und abwärts rollenden Wagen hinein und spielte so eine Verletzung vor, die etwa einem Beinbruch ähneln konnte. Natürlich war ich nicht allein, das war ich nie, mein einheimischer Begleiter Alson war immer dabei.

Auch ein uniformierter "Polizist" war gleich zur Stelle, wohl zufällig gerade hier beschäftigt. Alson und der Polizist luden den "Verletzten" fachmännisch ein, und der Transport ins "Spital" konnte beginnen. Nur waren wir uns über die Zieladresse nicht ganz einig; der "Polizist" beharrte auf einem nahen Privatspital, ich bestand auf dem unfernen Zentral- und Universitätsspital. Der "Polizist" wollte den Autoschlüssel und für das "Parking" besorgt sein, ich bevorzugte eine Lösung mit Alson. Das war wohl besser so, denn während der Anmeldeprozedur konnte der Verletzte plötzlich sogar laufen und war ohne etwas verschwunden. Nachdem ich dem "Polizisten" ein 100 Gourdes-Nötli (etwa 4 Franken oder 3 Euro) gegeben hatte, war der wohl arme Kerl so erfreut und schockiert, dass auch er das Weite suchte.

Der nächste Entführungsbesuch kam NOCH billiger. Es war in Léogane, die Königsstadt bestand noch in alter "Herrlichkeit", Alson und ich waren wie täglich unterwegs vom Parkplatz zu unserem Mittags-Restaurant. Zwei Kerle, unheimlich schon vom Aussehen her, sprachen uns an und zogen meinen Begleier etwas von mir weg und zu sich hin. Unter den T-Shirts zeichneten sich Pistolen ab, wohl keine aus Plastik. Nach einigem Wortwechsel, der immer lauter wurde, kam Alson zurück, und wir spazierten weiter. Unterwegs erzählte er mir, die zwei hätten ihm einen grossen Geldbetrag geboten, wenn er uns alle in ein grosses, nahe liegendes Haus begleite. Seine Antwort war unmissverständlich, und die zwei zottelten ab.

Zur Zeit warnen die Medien vor einer "erschreckenden Zunahme" des Kidnappings. Der häufigste Trick der Gegenwart sei es, ein Handy anzurufen und die antwortende Person unter irgend einem Vorwand ins Freie zu locken. Vor der Haustür werde sie dann gleich stumm und unschädlich gemacht und entführt. Es empfiehlt sich, das Haus in Zweifelsfällen nicht zu verlassen, sondern nur, wenn man den Lockvogel stimmlich erkennt.

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