Konjunktur-Barometer: Stimmung im Keller und die Geier kreisen
Die Konjunkturstimmung in Deutschland ist auf ein Rekordtief abgesackt. Hatte die Große Koalition in Berlin in den letzten Monaten als Beweis für die Richtigkeit ihrer Politik immer wieder einen Aufschwung herbeigeredet, so hat sich dieser Sieg heute als Pyrrhussieg entpuppt.
Das vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Konjunkturbarometer für die kommenden sechs Monate fiel mit minus 63,9 Punkten auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Dezember 1991. Eine erhebliche Verbesserung ist im Moment nicht in Sicht.
An der Frankfurter Börse schloß der DAX mit einem Minus von 1,91 Prozent bei 6081 Zählern. Der Referenzkurs des Euro wurde auf 1,5990 US-Dollar festgesetzt. In den USA sprach Notenbankchef Ben Bernanke von eingetrübten Konjunktur-Aussichten. Die Börsen gingen weltweit auf Talfahrt.
Das ZEW in Mannheim befragt Analysten und institutionelle Anleger. Bislang war der schlechteste Wert des Stimmungsbarometers im Dezember 1992 mit minus 62,2 Punkten erreicht worden, der historische Mittelwert liegt bei 28,8 Punkten. Der Rückgang der Erwartungen geht laut ZEW unter anderem darauf zurück, daß Unternehmen, entgegen den offiziellen Behauptungen, wiederholt rückläufige Auftragseingänge meldeten.
Zudem drückten die anhaltend starken Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln auf die Kaufkraft der Verbraucher.
Noch zum Jahresbeginn sind die Experten davon ausgegangen, daß der deutliche Rückgang der Industrieproduktion durch den Konsum aufgefangen werden könnte. Dementsprechend großspurig hörten sich die Verlautbarungen der Bundesregierung im Hinblick auf die Wirtschaftslage und dem Arbeitsmarkt an. Nun ist die Realität unerwartet hart in die Berliner Ministerien eingekehrt.
Laut einer Umfrage ist nur jeder vierte Deutsche mit seiner aktuellen finanziellen Situation zufrieden. Ganze 54 Prozent – also über die Hälfte der Deutschen - bezeichnet ihre finanzielle Lage als mittelmäßig, ein Fünftel als schlecht oder sehr schlecht (21 Prozent), wie eine Umfrage der GfK im Auftrag der Düsseldorfer WGZ Bank ergab. Die große Mehrheit der Bundesbürger glaubt auch nicht an eine Verbesserung in den kommenden Monaten.
Teures Öl, starker Euro, verbunden mit den daraus erwachsenen Problemen für den deutschen Export, und die Finanzkrise in den USA machen deutlich, daß die Geier inzwischen kreisen. Die Hypothekenkrise in den USA hatte in den vergangenen Tagen mit dem Zusammenbruch des Bausparers IndyMac einen neuen Höhepunkt erreicht. Zudem gibt es Gerüchte über erhebliche finanzielle Probleme der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, auf die etwa die Hälfte des US-Hypothekenmarktes entfällt. Ein breit angelegtes Hilfspaket von US-Regierung und Notenbank für die angeschlagenen Hypothekenfinanzierer konnte die Stimmung nicht aufhellen.
Viele Anleger fürchten nun, daß das von der US-Regierung und der Notenbank geschnürte Rettungspaket nicht ausreicht, um der Finanzkrise Herr zu werden. „Es geht um unvorstellbare Summen“, kommentierte ein Händler das Volumen der Schuldverschreibungen von Fannie Mae und Freddie Mac. Dieses entspricht mit fünf Billionen Dollar mehr als einem Drittel des US-Bruttoinlandsprodukts. Die Hypothekenkrise ist also noch lange nicht ausgestanden, und auch Deutschland könnte wieder schnell in den Strudel hineingezogen werden. Die Globalisierung der Märkte – immer wieder als die große Chance der Wirtschaft dargestellt – zeigt nun plötzlich seine brutale Fratze und zieht manches Unternehmen nun in einen verhängnisvollen Überlebenskampf hinein.
In Berlin dürfte man diese Entwicklungen mit Sorge betrachten – befinden sich die etablierten Parteien doch schon im Vorwahlkampf. Die Große Koalition hat es hier schwer, wirkliche Erfolge ihrer Politik darzustellen. Bisher war es immer wieder der „Aufschwung“ gewesen, der wie eine politische Monstranz vor sich hergetragen wurde. Dieses Lügengebäude war schon von Anfang an äußerst einsturzgefährdet. Nun ist es schneller zusammengebrochen, als es den Damen und Herren lieb sein dürfte. Von der „erfolgreichen Regierungspolitik“ der Großen Koalition ist plötzlich nicht mehr sehr viel übrig.
deutsche-stimme.de/ds
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