Bereits vor dem 2. Vatikanum widersprach die kath. Kirche im offiziellen „Römischen Katechismus“ antijüdischen Kollektivschuld-Vorwürfen
(News4Press.com)
Presssemeldung des Christoferuswerks vom 20.12.2009
Felizitas Küble, die Vorsitzende des Christoferuswerks in Münster, schrieb am 19.12.2009 im deutsch-israelischen Medienportal "European Info Press" über die aktuellen Kontakte zwischen Vatikan und Israel - und über das grundsätzliche Verhältnis von Kirche und Judentum:
Der israelische Botschafter beim Vatikan, Mordechay Lewy, äußerte sich am 16. Dezember 2009 bei einem Vortrag über die aktuelle vatikanische Israelpolitik und die päpstliche Position im vorigen Jahrhundert. Eingeladen hatte die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Dabei erklärte der Diplomat laut einer Meldung des kath. Nachrichten-dienstes „Zenit“, daß sich die Beziehungen zwischen Israel und Vatikan durch Papst Benedikt positiv gestalten.
Am 13. Dezember 1993 begannen unter Papst Johannes Paul II. endlich diplomatische Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem jüdischen Staat. Lewy wurde im Mai 2008 als Botschafter akkreditiert. Nach eigenen Angaben hat er stets danach gestrebt, "unter Diplomaten als Historiker zu gelten und unter Historikern als Diplomat". Nun sei er gewissermaßen als "theologischer Diplomat" tätig.
Lewy wies darauf hin, daß die führenden Zionisten Herzl und Sokolow seinerzeit große Zugeständnisse an den Vatikan gemacht haben. So versicherten sie, ein jüdischer Staat werde die katholischen Interessen im Heiligen Land respektieren. Auch deuteten sie an, daß Jerusalem nicht die Hauptstadt werden solle: "Das wäre heute undenkbar". - Der Vatikan hingegen wünschte, daß Jerusalem und Bethlehem als "Corpus separatum" internationalisiert würden. Ein Teil hiervon floss in den UN-Teilungsplan ein, über den die Vollversammlung am 27. November 1947 abstimmte. Diese Position habe der Vatikan bis heute weitgehend aufrechterhalten.
Die Päpste hätten sich jedoch zugleich an neue Realitäten angepaßt, erläuterte der Diplomat weiter. Die neue römische Offenheit gegenüber Judentum und Israel sei im Konzilsdokument "Nostra Aetate" verdeutlicht worden. Darin wurde jeder Kollektivschuldvorwurf gegenüber Juden abgelehnt und die theologische Verbundenheit zwischen beiden Religionen betont.
Allerdings sei diese Erklärung bei orientalischen Christengemeinden und erst recht im arabischen Bereich auf erheblichen Widerstand gestoßen. Daher habe das Konzil wohlwollende Worte über die Muslime eingeschoben, um die entstandenen Wogen zu glätten. "Israel begrüßt jede päpstliche Äußerung, in der öffentlich auf 'Nostra Aetate' eingegangen wird, auch wenn es sich um eine Wiederholung handelt", betonte der israelische Botschafter.
Was Benedikt XVI. betrifft, so sei jede Bewegung des Papstes bei seinem Israel-Besuch "von den Medien beobachtet" worden“. Die Vatikan-Diplomatie habe auf Hochtouren gearbeitet: "Keine Sensibilitäten von Israelis, Palästinensern und Jordaniern sind vernachlässigt worden“, stellte der Botschafter fest: "Und am Ende waren alle zufrieden."
Zudem berichtete Lewy, daß Papst Benedikt bei seiner Akkreditierung dem Ewigen gedankt habe, daß dem jüdischen Volk eine Heimstätte gewährt wurde. "Das war gleichzeitig ein Segen für den 60. Jahrestag Israels“, so Lewy abschließend.
Bereits der "Catechismus Romanus"
verwarf Kollektivschuld-Vorwürfe gegen Juden
Allerdings ist kaum bekannt, weder dem israelischen Botschafter noch den meisten heutigen Katholiken, daß die Kollektivschuld-These gegen Juden nicht erst durch das
2. Vatikanische Konzil (Nostra aetate) abgelehnt wurde, sondern daß dieser gefährlichen Wahnvorstellung genau 400 Jahre zuvor bereits eine klare Absage erteilt wurde: im vatikanischen Catechismus Romanus, dem sog. „Römischen Katechismus“.
Dieser verbindliche Katechismus von 1566 (!) war bis zur Einführung des neuen Weltkatechismus 1992 jahrhundertelang offizielle Leitplanke für alle diözesanen oder regionalen Katechismen. Auch im neuen Weltkatechismus, der wesentlich vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger erstellt wurde, wird oftmals auf den Catechismus Romanus bezug genommen.
Dieser Leit-Katechismus entstand nach einem Beschluß des Konzils von Trient, mit dem die kath. Kirche auf die Herausforderung durch die „Reformation“ reagierte. Dieses „Reformkonzil“, auch „Konzil der Gegenreformation“ genannt, kümmerte sich neben der Abschaffung kirchlicher Mißstände auch um die Festigung und Erklärung der Glaubenslehren.
Der (später heiliggesprochene) Papst Pius V. beauftrage nach dem Konzil den angesehenen Kardinal Karl Borromäus (ebenfalls heiliggesprochen), die Redaktionsarbeiten des Konzils für den Catechismus Romanus zu vollenden.
Das Werk wurde ein „großer Wurf“ und gehört zu den entscheidenden Dokumenten des kirchlichen Lehramts. Die lateinische Ausgabe erlebte ca 550 Auflagen, die Übersetzungen in 18 Sprachen ergaben über 350 Auflagen.
Was lehrt nun der „Römische Katechismus“ über das Thema „Wer ist Schuld an der Kreuzigung Jesu Christi?“ - Er stellt nüchtern und selbstkritisch fest: in erster Linie tragen jene Christen die Schuld daran, die sich in Sünden und Lastern wälzen.
„Gekreuzigt unter Pontius Pilatus.“
Im ersten Teil orientiert sich der Katechismus am „Credo“, also am Apostolischen Glaubensbekenntnis. Im 5. Hauptstück wird die Credo-Aussage „Gekreuzigt unter Pontius Pilatus“ erläutert. Im 11. Kapitel heißt es dort:
„Wenn also einer fragt, was der Grund war, warum der Sohn Gottes das bitterste Leiden übernahm, so wird er erkennen, daß es außer der Erbschuld der ersten Eltern (Adam und Eva) vor allem die Laster und Sünden waren, welche die Men-schen begangen haben und bis zum Ende der Zeiten begehen werden....Es müssen dieser Schuld (am Tod Christi) alle als teilhaftig angesehen werden, welche öfters in Sünden fallen.... Jene, die sich in Schandtaten und Lastern wälzen, kreuzigen ihn von neuem.
Und dieser Frevel wiegt bei uns Christen viel schwerer, als er es bei Juden gewesen ist, weil die Juden nach dem Zeugnis des Apostels Paulus „den Herrn der Herrlichkeit niemals gekreuzigt hätten, wenn sie ihn erkannt hätten“. - Wir legen aber das Bekenntnis ab, ihn zu kennen und verleugnen ihn dennoch durch unsere Werke und legen so gewissermaßen gewaltsam Hand an ihn.“
Der Blick der Katholiken wurde hier also von der weitverbreiteten Vorwurfs-Haltung gegenüber Juden („Sie haben Jesus gekreuzigt!“) selbstkritisch „umgelenkt“ in die eigene Richtung, so daß der Finger nicht mehr in erster Linie auf Juden zeigte, sondern auf die Christen selbst.
Die judenfreundliche Haltung des Römischen Katechismus wird auch an anderer Stelle erkennbar: So heißt es Dritten Teil (1. Hauptstück, 11. und 12. Abschnitt) in einer Aufforderung an die Pfarrgeistlichen: „Obwohl dieses Gesetz des Moses vom Herrn auf dem Berge den Juden gegeben wurde, ist es gleichwohl von sehr großem Nutzen für alle Menschen - jene Worte Gottes also, welche durch Moses als Diener und Dolmetscher den Hebräern verkündigt wurden.“
Sodann werden die Pfarrer angehalten, „die Geschichte des israelitischen Volkes, welche voller Geheimnisse ist, sorgfältig zu erklären...Der Pfarrer wird zuerst erzählen, daß Gott aus allen Völkern, welche unter dem Himmel sind, eines auserkoren hat, das seinen Ursprung von Abraham herleitet.“
„Weil es Gott eben so gefiel...“
Dies wird kurz darauf noch einmal eingeschärft: „Der Pfarrer hat vor allem das zu verkünden: daß aus allen Völkern nur eines von Gott erwählt worden ist, welches er „sein Volk“ nennt und welchem er sich zu erkennen gab und zur Verehrung vorstellte. Nicht als ob es die übrigen Völker an Gerechtigkeit oder Zahl überboten hätte, sondern weil es Gott eben so gefiel, lieber ein kleines und armes Volk zu vermehren und zu bereichern, damit seine Macht und Güte bei allen umso bekannter und herrlicher sein würde.“
Nachdem der Katechismus erklärte, daß der Ewige die Israeliten als „sein Volk“ bezeichnete, wird weiter erläutert, daß sich der Schöpfer den Hebräern auch als „ihr Gott“ zu erkennen gab: „Da es also mit jenen Israeliten so bestellt war, so verband Gott sich mit ihnen und liebte sie, so daß er sich - obwohl Herr des Himmels und der Erde – nicht schämte, „ihr Gott“ zu heißen, um dadurch die übrigen Völker zur Nachahmung anzuregen, damit sich alle Menschen, wenn sie das Glück der Israeliten schauen, der Verehrung des wahren Gottes zuwenden.“
Insgesamt läßt sich schlußfolgern, daß der Catechismus Romanus von 1566 erstens keinen Kollektivschuld-Vorwurf gegen Juden äußert, zweitens die Schuld am Kreuzestod Christi in erster Linie den sündigen Christen zuweist, weil deren Werke oft nicht ihrem Glauben entsprechen, daß drittens die Erwählung des jüdischen Volkes positiv und sorgfältig erläutert wird. - Insofern ist der Römische Katechismus eine Art geistiger Vorläufer der Konzilserklärung „Nostra aetate“ hinsichtlich seiner Erklärungen zum Judentum.
Felizitas Küble hierzu abschließend: "Daher ist es unzutreffend, wenn immer wieder der Eindruck erweckt wird, als habe erst das 2. Vatikanische Konzil in puncto Judentum "die Kurve gekriegt" und das Verhältnis zwischen Kirche und Synagoge neu geordnet. Dies geschah bereits im "Zeitalter der Gegenreformation", wie der Römische Katechismus aufzeigt."
Felizitas Küble, Vorsitzende des Christoferuswerks e.V. in Münster
Das Christoferuswerk in Münster ist eine als gemeinnützig anerkannte Aktionsgemeinschaft katholischer und evangelischer Christen, die 1971 vom kath. Jugendschriftsteller Günter Stiff (Münster) gegründet wurde und sich für christliche Medien- und Öffentlichkeitsarbeit einsetzt.