»Sympatisantenhetze« in der Bundesrepublik – seit »Passau« ganz aktuell
In der Schule hat man uns mit linker Literatur gefüttert. »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, eine Erzählung von Heinrich Böll aus dem Jahre 1977, durfte in keinem Deutschunterricht fehlen. Man wollte daran aufzeigen, wie die hysterische Verfolgung der RAF-Terroristen jede Meinungsfreiheit und Menschenwürde im Lande erstickt – Stichwort »deutscher Herbst« und »Sympathisantenhetze«.
Liest man die Geschichte von »Katharina Blum« nach dem Lebkuchenanschlag von Passau wieder, dann kommt sie einem merkwürdig aktuell vor. Ein Straftäter wird gesucht, und bei den Ermittlungen stößt man auf die junge Hausangestellte Katharina. Eine Nacht hat sie mit dem Kriminellen verbracht, aber keine Ahnung von dessen Vergehen oder gar politischen Hintergründen.
Katharina ist so unpolitisch, wie man nur sein kann. Allerdings hat sie einen speziellen Charakter, den Böll so beschreibt, daß ein »sozialistischer Mensch« herauskommt. Das Wort fällt nicht, aber bestimmte Merkmale des linken Idealmenschen treffen genau auf Katharina zu. Wenn etwa von »Korrektheit, verbunden mit planerischer Intelligenz« die Rede ist. Die Hauswirtschaft, die sie betreibt, wird zu einer Metapher für sozialistische Planwirtschaft. Aber das merkt nicht nur der Leser, sondern bald auch Polizei und Presse, die sich trotz der dünnen Beweislage auf diese Frau »einschießen«. Ohne etwas getan zu haben, gilt sie als Staatsfeind Nr. 1.
Wenn das »Umfeld« verdächtig macht
In der Art eines Trüffelschweins findet die Bild-Zeitung immer mehr Details, die auf eine Schuld deuten sollen. Da hat der Vater vor zwanzig Jahren in der Dorfkneipe den Satz geäußert: »Der Kommunismus ist vielleicht gar nicht das schlechteste.« Das gilt nun als schwere Vorbelastung. Wir kennen das.
Früher in der Schule hatte uns das Buch eher gelangweilt, und auch die Verfilmung mit einer unerotischen Angela Winkler machte die Sache nicht besser. Die Linken, so dachten wir damals, bilden sich ständig ein, verfolgt und verdächtigt zu werden. Sie haben einen Verfolgungswahn. Einer unserer Lehrer war davon überzeugt, daß sein Telefon abgehört wird, weil er die DKP-Zeitung Unsere Zeit abonniert hatte. Lächerlich fanden wir das, denn der Staat, die alte Bundesrepublik, erschien uns trotz Links-terrorismus so stark und unangefochten, daß derlei geheimdienstliche Aktivitäten ganz überflüssig gewesen wären.
Inzwischen sieht die Sache schon anders aus. Jetzt erleben wir die Geschichte von »Katharina Blum« am eigenen Leibe. Zum Beispiel in Passau, wo nach einer Straftat, deren Hintergründe noch völlig unklar waren, sofort zwei Personen verhaftet wurden, und warum? Weil sie aus einem »rechten Umfeld« stammen. Ein solches »Umfeld« wurde auch bei den »Sympathisanten« konstruiert, um unabhängig von der Schuld des einzelnen eine umfassende Kontrolle durchführen zu können. Das wahre Ziel dieser Art »Strafverfolgung« ist schon damals nicht die Tätersuche, sondern die Zerstörung eines politischen Milieus.
Damit wir uns recht verstehen: nichts ist einzuwenden gegen eine Verfolgung falscher Gesinnungen. Sie sind gefährlich für den Bestand der Gemeinschaft, für die Jugend, für die Zukunft und schaden mehr als hundert Bankeinbrüche. Doch muß der Staat diese Maßnahmen auch als solche erklären und begründen und verantworten und nicht durch Kriminalisierung das ganze Thema in den juristischen Bereich abdrängen. Das ist mit der Formulierung von der »verlorenen Ehre« gemeint. Katharina wird nicht mitgeteilt, was man ihr eigentlich im Kern vorwirft, nämlich ihre »sozialistische« Wesensart. Es wird nicht gesagt: ein solcher Menschentyp ist im gegenwärtigen System gefährlich und muß bekämpft oder wenigstens bewacht werden. Stattdessen lautet der Vorwurf auf Mitwisserschaft bei einem Mord. Die Angeklagte bestreitet das und steht als Lügnerin da. Sie wird der Ehre beraubt, was für manche schlimmer ist als Hinrichtung.
Gefährlich: »Stolz und Treue«
Die Kriminalisierung politischer Gegner ist typisch für den liberalen Rechtsstaat, der sonst kaum eine Handhabe gegen seine Feinde hat. Deshalb ersetzen »Paragraphen« immer mehr die weltanschauliche Ausrichtung.
Die Rolle der Presse ist für die Handlung zentral. Für Katharina Blum wirken die täglichen Berichte der Bild-Zeitung deshalb so vernichtend, weil alle ihre Bekannten und Kollegen dieser Zeitung glauben. Einfache Gemüter können es sich nicht vorstellen, daß täglich an den Kiosken Lügen verbreitet werden, und daß »der Staat« nichts dagegen tut. Sie identifizieren automatisch die Medien mit der offiziellen Sichtweise und beugen sich ihr. Daß die Pressefreiheit in der Hauptsache darin besteht, daß ein Unternehmer mit dem nötigen Kleingeld seine Lohnschreiber auf das lukrativste Objekt ansetzt, wissen sie nicht.
Auch Katharina hat diesen Mechanismus nicht durchschaut. In einer naiven Wut und Empörung erschießt sie den gerade zum Interview erscheinenden Reporter.
»Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann«, lautet der Untertitel dieses pädagogischen Werks. Man sollte es ruhig wieder an den Schulen lesen. Allerdings werden sich die Schüler zwangsläufig fragen, weshalb vor dreißig Jahren die Linken verfolgt wurden, heute indessen die nationalen Gruppen.
Dazu muß man sich vor Augen halten, daß bis in die 80er Jahre die sowjetischen Atomraketen auf die Bundesrepublik gerichtet waren. Die RAF-Terroristen hatten zur Stasi engen Kontakt, und die Marxisten besetzten die Lehrstühle. Daß sich also »unser Staat« von links massiv bedroht fühlte und zur Gegenwehr griff, ist kein Wunder.
Überraschend hingegen bleibt, daß »die Rechten« spätestens seit der Wende als politische Bedrohung die Marxisten und Kommunisten abgelöst haben. Der Ostblock ist zusammengebrochen, aber das Deutsche Reich ist bereits vor über 60 Jahren zusammengebrochen. Und längst hatte man dieses Kapitel ad acta gelegt, als das Fernsehen anfing, mit regelmäßigen Berichten über »Neonazis« sein Publikum zu unterhalten. Die nächsten Schritte im »Kampf gegen rechts« gingen schon weiter, und heute findet die ideologische Auseinandersetzung überhaupt nur noch zwischen den »bösen Nazis« und dem ganzen guten Rest statt.
Bei der Lektüre von Böll wird man auf diesen Rollenwechsel gewaltsam gestoßen. Katharina ist noch da, aber sie heißt jetzt anders. Geblieben sind aber die »zwei lebensgefährlichen Eigenschaften, Treue und Stolz«, die Trude Blorna, Architektin, ihrer Hausangestellten zuschreibt. Für ihre Verzweiflungstat bekommt Katharina Blum 15 Jahre Gefängnis. Das wollen wir vermeiden.
Angelika Willig
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