Exfreundin Simone fürchtet um ihr Leben - Kachelmann geniesst das Leben
(News4Press.com)
Sie, das mutmaßliche Opfer, hat rund um die Uhr Polizeischutz. Seit ihre wahre Identität in Internetforen bekannt gemacht wurde und Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkamen, traut sich die 37-jährige Blondine, die mit zweitem Vornamen Simone heißt, kaum mehr aus dem Haus. Er, der angebliche Vergewaltiger, ist wieder ein freier Mann. Wortlos zwar, aber befreit lächelnd, trat Jörg Kachelmann aus dem Gefängnistor ins Blitzlichtgewitter der Kameras. Kachelmann braucht jetzt nicht mehr selber die Peitsche schwingen, die aufgepuschte Öffentlichkeit wird dieses besorgen. Nur er und Simone kennen die Wahrheit. Gibt es eine strafbare Vergewaltigung im Rausch der Perversität, Demütigungen und Schläge? Musste das Eifersuchtsdrama, dass seine Sklavin "Simone" aufgeführt hat nicht von Kachelmann bestraft werden? Konnte er nicht hoffen, dass durch die "Züchtigung und Bestrafung" Simone es sich nicht noch anders überlegen würde und schweigen. Schweigen. Sie hatte doch so oft geschwiegen als er sie züchtigte.
Von seinem Aufseher verabschiedet er sich filmreif mit einer Umarmung. Nach 132 Tagen in Haft darf er reisen, wohin er will, ohne Kaution, ohne Auflagen, ohne Einschränkung. Es steht nicht einmal mehr fest, dass am 6. September tatsächlich der Prozess gegen ihn beginnt. Auf einen Schlag ist alles anders, alles seitenverkehrt in der „Causa Kachelmann“.
Wird der Wettermann und SM-Spezialist Kachelmann jetzt durch die Talkshows tingeln und jede Menge Mitleid einsammeln und uns von den Vorteilen einer "Züchtigung" schwärmen? Im Forum "BDSM-Freunde" ist Kachelmann mittlerweile das große Aushängeschild. Hier hat er jede Menge Freundinnen und Freunde, die nur darauf warten, dass er den "Zuchtmeister" gibt.
Seine Exfreundin "Simone" muss um ihr Leben fürchten, während Kachelmann das Leben erst einmal wieder richtig geniessen wird.
Das Oberlandesgericht Karlsruhe (OLG) hat dem Fall um die angebliche Vergewaltigung von Kachelmanns Ex-Freundin eine dramatische Wende beschert. Der Schweizer Wettermoderator sei umgehend auf freien Fuß zu setzen, urteilte der 3. Senat in der badischen Stadt. Wirklich überraschend dabei war indes weniger die Entscheidung selbst als ihre Begründung. Damit haben die Karlsruher Kollegen der Mannheimer Justiz regelrecht eine Ohrfeige versetzt. Womöglich wird sogar der Ausgang des Prozesses, der auf jeden Fall stattfinden soll, beeinflusst.
Die Richter erklärten ihren Entschluss nämlich keineswegs mit der Tatsache, dass keine dringende Fluchtgefahr mehr bestehe. Damit hatten viele Beobachter gerechnet, nachdem bereits der Prozesstermin feststand. Doch das Karlsruher OLG ging wesentlich weiter: Es betonte ausdrücklich, dass derzeit auch „kein dringender Tatverdacht“ mehr bestehe. Darauf hatten in Mannheim der Staatsanwalt und das Gericht stets beharrt. Musste sich der dringende Tatverdacht nicht erübrigen, weil "Simone" und "Jörg" unzurechnungsfähig waren im ihrem Wahn nach Perversität, Unterwürfigkeit und Schläge?
Nicht auszuschließen sei außerdem, dass das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer den 52-Jährigen Kachelmann falsch belasten wolle, hieß es in der Karlsruher Begründung. Der Strafrechtsexperte Ulrich Wehner aus Berlin sprach denn auch prompt von einer „U-Haft-Beendigung erster Klasse“ und einem „sehr deutlichen Signal“.
Und so lächelte der frisch rasierte Kachelmann, ein wenig blass um die Nase, also sichtlich erleichtert in die Menge der Journalisten und Kameraleute. Die hatten seit Stunden vor dem sternförmigen Mannheimer Gefängnis ausgeharrt und bei jeder Toröffnung ihre Kameras draufgehalten. So mancher, der an diesem Tag seine Verwandtschaft im Knast besuchen wollte, dürfte sich wenig gefreut haben über den Medientrubel. Doch auf keinen Fall wollte einer der Fotografen jene Sekunde verpassen, in der Kachelmann nach vier Monaten ins Freie schreitet.
Und dann wie von Zauberhand wieder einmal das schwere, stählerne Tor aufgeschwungen, hinter dem die Schleuse zur JVA liegt. Zuerst hatte Kachelmanns Kölner Anwalt Reinhard Birkenstock das Gefängnis verlassen, danach seine Frau Johanna, die in seiner Praxis mitarbeitet. Und schließlich kam „Sadomasofrosch“ selbst, im schlichten, weißen Shirt, als stehe er völlig mittellos in der Welt, als habe man ihm damals, am 20. März, bei der Verhaftung im Frankfurter Flughafen nicht einmal eine warme Jacke gelassen.
Zweieinhalb Stunden später also steht der Wettermann, der sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere so sehr im Blitzlichtgewitter gesonnt hat, zurückhaltend vor der wartenden Journalistenmeute. Einen Kommentar lässt er sich nicht entlocken, dafür geht sein Anwalt, der bisher kaum je öffentlich aufgetreten war, regelrecht aus sich heraus und wirbt in eigener Sache und für neue Aufträge.
Der Kölner bedankt sich im Namen von Kachelmann bei den Vollzugsbeamten und Mitgefangenen für die Unterstützung während der „ungerechten Untersuchungshaft“, spricht von einem „Justizskandal“. Doch jetzt sei zum Glück die „Unschuldsvermutung wieder auferstanden“.
Auch für Birkenstock ist dieser Tag einer der glücklichsten seiner Karriere. Sein Kalkül, Kachelmann dadurch herauszuhauen, dass die Entscheidung über das Schicksal des Schweizers von Mannheim nach Karlsruhe verlagert wurde, ist aufgegangen. Dafür hatte er sich Unterstützung des Karlsruher Juristen Klaus Schroth eingeholt, der Erfahrung mit Vergewaltigungsprozessen hat: Vor über zehn Jahren verteidigte er einen Heilpraktiker aus Bruchsal, der von einer Angestellten bezichtigt wurde, sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Schroth ließ damals ein Gutachten erstellen, in dem nachgewiesen wurde, dass der Mann anatomisch zu den ihm vorgeworfenen Sexualpraktiken gar nicht in der Lage war. Der Beschuldigte wurde freigesprochen.
Für viele Deutschen war Jörg Kachelmann, der im Gefängnis seinen 52. Geburtstag feiern musste, ohnehin schon lange kein Verbrecher mehr. In einer Umfrage im Auftrag des Magazins „Stern“ zeigten sich gerade 47 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass das mutmaßliche Opfer sich nur rächen wollte, weil Kachelmann noch andere Frauen hatte. Nur jeder Fünfte glaubt der Frau, der Rest wollte sich kein Urteil bilden.
Den Zweifel hat nicht zuletzt eben jene Rückert-Attacke in der „Zeit“ gesät. Darin wurde nämlich ein Gutachten bekannt, nach sich das mutmaßliche Opfer, eine Rundfunksprecherin, die blauen Flecken auf ihren Beinen wahrscheinlich selbst geboxt hat. Kurz zuvor hatte zudem der „Spiegel“ aufgedeckt, dass die 37-Jährige aus Schwetzingen die Ermittler in Detailfragen lange angelogen hatte und nur durch eine Untersuchung ihres Computers überführt wurde. Da begann sich die öffentliche Meinung zu drehen.
Zu Sendlings Problem könnte vor allem ein kleiner Ausrutscher werden: Der Richter, mit den Vorwürfen der Befangenheit konfrontiert, soll auf eine Medienanfrage geantwortet haben: „Das alles ist schlicht nicht wahr, ich habe weder Kontakt zum Vater noch zum Opfer gehabt. Im Gegenteil, ich kenne die Leute nicht einmal.“ Beobachter spekulieren nun darüber, ob Sendling tatsächlich das Wort „mutmaßlich“ vor „Opfer“ weggelassen habe. Dann könnte Kachelmanns Anwalt Birkenstock in der Tat wegen des Verdachts der Befangenheit und Vorverurteilung Einspruch erheben. Das Image des Landgerichts wäre weiter beschädigt.
Wann das Verfahren nun starten wird, ist unklar. Der ursprünglich geplante Termin für den Prozessbeginn am 6. September wird womöglich nicht gehalten. Denn eine Untersuchungshaft darf grundsätzlich nicht länger als sechs Monate bis zur Hauptverhandlung dauern. Da Kachelmann nicht mehr in Haft sitzt, haben nun andere Angeklagte Vorrang, die hinter Gittern auf ihren Prozess warten.
Doch all diese Details zählen erst einmal nichts gegen das große Ganze: Kachelmann ist frei, darf nach der kurzen Ansprache seines Anwalts in dessen Range Rover klettern. Nachdem er Johanna Birkenstock formvollendet die Tür aufgehalten hat, klettert er auf den Rücksitz. Ein kleiner Junge klopft an das dunkle Fenster des Wagens und ruft „Jörg, Jörg“. Doch der schaut nur stur gerade aus. Dann fährt der Wagen davon. Wohin weiß niemand. Aber sicher schnell weit weg. Vielleicht muss sich Jörg erst mal richtig austoben und zur Peitsche greifen. Eine Sklavin wird er schnell finden, wenn er seine Telefondateien durchblättert. Vielleich wird er auch nur denken: "Mensch, was sind die Frauen undankbar."
freier Journalist DJV
Johannes Schumacher
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