Napoleon Bonaparte hat einmal gesagt: „Wenn China erwacht, wird die Erde beben“. Und China ist erwacht. Das Land, das vor 500 Jahren schon einmal das wohl mächtigste der Welt war, andererseits aber auch noch vor 30 Jahren eines der rückständigsten, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Entwicklung hingelegt, die weltweit einmalig ist.
Heute hat China, das so viele Einwohner hat wie die Europäische Union, die USA und ganz Lateinamerika zusammen, Deutschland den Rang als Exportweltmeister abgelaufen. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2009 exportierte China Waren im Wert von 957 Milliarden Dollar, während Deutschland auf 917 Milliarden Dollar kam. Bereits 2007 hatte China Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft eingeholt. In diesem Jahr dürfte China auch Japan überholen und zur zweitgrößten Wirtschaftsnation hinter den USA aufsteigen.
GRÖSSTE WÄHRUNGS- UND GOLDRESERVEN
Auch die gegenwärtige weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise konnte den wirtschaftlichen Vormarsch Chinas nicht nachhaltig gefährden. Zwar hat die Krise viele kleinere chinesische Unternehmen etwa in der Textil- und Elektronikbranche hart getroffen. Doch vor allem bei mechanischen und elektrischen Produkten konnte ein größerer Einbruch verhindert werden. Unter dem Strich ist es China, dem Land mit den bei weitem größten Währungs- und Goldreserven der Welt, gelungen, seine Wirtschaft mit heimischer Nachfrage, Investitionen und Außenhandel aus der Krise zu ziehen. Demgegenüber stehen beispielsweise dem hoch verschuldeten Deutschland, das nicht zuletzt auch noch zahlreiche ärmere Staaten aus der EU mit durchbringen muss, nicht so viele Mittel im Kampf gegen den Abschwung zur Verfügung. Auch die USA haben mit ihrer Schuldenpakete-Orgie ihr Pulver mittlerweile weitgehend verschossen. So kann China mit seinen Währungs- und Goldreserven in Billionenhöhe beruhigt in die Zukunft sehen.
Worauf gründet sich die beispiellose wirtschaftliche Erfolgsgeschichte Chinas? Noch Ende der 1970er-Jahre lebte ein großer Teil der Chinesen in bitterer Armut, mit Unterernährung und Hunger. Mittlerweile wurden über eine Milliarde Menschen in China von extremer Armut und Unterernährung befreit. Die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahre 2008 in China beträgt 73,18 Jahre. Bei Gründung der Volksrepublik im Jahre 1949 hatte die durchschnittliche Lebenserwartung demgegenüber nur rund 35 Jahre betragen.
Seit der Machtübernahme durch Deng Xiaoping Anfang der 1980er Jahre hat China eine durchgreifende und mutige Reformpolitik durchlaufen. Und das ohne größere Brüche, Spannungen und Verwerfungen. Kennzeichnend für die 1980er Jahre war die Etablierung wirtschaftlicher Schwerpunktgebiete. Dabei erhielten Städte wie Shanghai und einige Gebiete wie das Fischerdorf Shenzhen, das heute zu den wirtschaftlich stärksten zählt, Sonderrechte. Zudem wurden sowohl staatliche wie private Exportfirmen in großem Umfang wieder zugelassen beziehungsweise zu neuem Leben erweckt, was den chinesischen Außenhandel nachhaltig beflügelte.
IDEALE VERHÄLTNISSE FÜR ANLEGER
Dank der Überschüsse, die China durch den Außenhandel erwirtschaftete, und dank allgemein sparsamen und klugen Wirtschaftens war es im darauf folgenden Jahrzehnt, das heißt in den 1990er-Jahren, möglich, die bisher nur rudimentäre Infrastruktur wesentlich zu verbessern. Dies, zusammen mit geringen Lohnkosten und einer stabilen staatlichen Struktur, erwies sich als Erfolgsrezept, um die Ausfuhren weiter zu erhöhen und verstärkt auch das Vertrauen ausländischer Investoren zu gewinnen. Immer mehr große Konzerne und auch Mittelständler aus dem Westen gingen nach China. Ein Nebeneffekt dieser Entwicklung war ein Wissenstransfer in großem Stil. Millionen chinesischer Fachleute und Facharbeiter wurden durch westliche Unternehmen ausgebildet. Während China eine gute akademische Schicht besitzt, fehlt es jedoch am Mittelbau. Um dem abzuhelfen, praktiziert China das deutsche duale Ausbildungssystem, die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule.
Das letzte Jahrzehnt war geprägt von einer Phase stabilen Wachstums mit konstant hohen Wachstumsraten von rund 10 Prozent pro Jahr. Parallel dazu ist ein stetiger Zufluss von Auslandsinvestitionen zu verzeichnen. Hier zahlt sich aus, dass China den Auslandsinvestoren ein besonders hohes Maß an Sicherheit bietet. Denn wer in China investiert, hat weder soziale Verwerfungen noch eine plötzliche Enteignung zu befürchten. Rechtsschutz und geistiges Eigentum haben einen großen Stellenwert im heutigen China. Unter dem Strich bestehen damit für Anleger aus dem Ausland in China geradezu ideale Verhältnisse.
Innenpolitisch richtet China besonderes Augenmerk auf die Verbesserung gerade der Lage der Bauern. Der Wohlstand, der bisher vor allem den Stadtbewohnern zugute gekommen ist, soll vermehrt auch auf dem Land ankommen. 2009 ist das Prokopfeinkommen der Bauern um 200 Dollar gestiegen. In den letzten Jahren waren nicht zuletzt die Anstrengungen zum Ausbau der ländlichen Infrastruktur massiv verstärkt worden. Auch dies eine kluge und vorausschauende Politik, die den inneren Zusammenhalt des Landes verstärkt.
EHRGEIZIGE UMWELTSCHUTZ-ZIELE
Ein anderes aktuelles innenpolitisches Schwerpunktthema ist der von China zunehmend entdeckte Umweltschutz. War der enorme wirtschaftliche Aufschwung zunächst mit zum Teil gewaltiger Umweltverschmutzung verbunden, hat sich Peking nunmehr gerade auf dem Gebiet des Umweltschutzes äußerst ehrgeizige Ziele gesetzt. Zu deren Erreichung werden strikte Maßnahmen ergriffen – bis hin zur Schließung kompletter Werke. Stinkende Zweitakter wurden ersetzt durch elektrische Roller und Fahrräder. Und die Polizei sieht man mit Elektrokarren Streife fahren.
China hat hiernach allen Grund, auf seine wirtschaftlichen Erfolge stolz zu sein. Und doch würde man zu kurz greifen, wenn man China allein auf seine wirtschaftliche Seite reduzieren würde. China kann auf eine mehrtausendjährige Geschichte zurückblicken. Seine Philosophie und Kunst und nicht zuletzt seine technischen Erfindungen stellen es in die Reihe der ältesten und renommiertesten Kulturstaaten der Erde. Mehr noch, im Gegensatz zu den heutigen Sachwaltern der westlichen Wertegemeinschaft, die sich so gern als „Friedensgemeinschaft“ sieht (und dem aktuell im Irak und in Afghanistan Krieg führenden amerikanischen Präsidenten den Friedensnobelpreis verleiht), hat China in seiner langen Geschichte noch niemals Angriffskriege geführt. Anders sah es nur im 13. und 14. Jahrhundert aus, als die Mongolen China erobert hatten und es beherrschten.
Selbstverständlich verfügt China wie jeder Staat, der noch eine natürliche Selbstachtung besitzt und vorrangig die eigenen Interessen vertritt, über Machtbewusstsein. Doch wird dies nicht militärisch nach außen getragen oder damit gedroht. Chinas Macht und Einfluss in der heutigen Welt gründen sich auf seine wirtschaftlichen Erfolge. Auch gewährt China zahlreichen Entwicklungsländern großzügig Kredite. Viele Staaten ziehen mittlerweile Kredite von China solchen der Weltbank bei weitem vor. Gerade weil China die betroffenen Staaten nicht gängelt und ihnen nicht alle möglichen und unmöglichen Vorgaben macht. Unter dem Strich kann man die Scheckbuchdiplomatie, die China betreibt, nicht mit der früheren Kanonenbootpolitik oder den aktuellen Gewaltmaßnahmen anderer Weltmächte vergleichen.
Auch in diesem Punkt kann China auf eine lange und erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Denn wenn man die Reisen des Admirals Zheng He im 15. Jahrhundert verfolgt, der die Welt noch vor den de-facto-Piratenschiffen der späteren Kolonialmächte entdeckte, sieht man, wie durch Handel weltweite Verbindungen und Ressourcensicherung betrieben werden können, ohne zu Gewaltmaßnahmen zu greifen. Was China heute macht, ist gezielte Entwicklungshilfe und keine blutige Eroberung oder ideologische Beglückung. Und auch mit den Taten von CIA, NSA und ähnlichen Einrichtungen, kann sich der chinesische Geheimdienst nicht messen. Es widerspricht der chinesischen Flexibilität des Denkens und Handelns, wirtschaftliche und politische Ziele mit der Brechstange zu verfolgen.
CHINAS FRIEDLICHER WEG
Die freiwillige Erhöhung des UN-Beitrages und die tatsächlichen Maßnahmen zum Klimaschutz bestätigen den Weg Chinas, die Probleme der Zukunft friedlich zu lösen. Mit einer geschickten Mischung von bilateralen und multilateralen Verbindungen baut China eine neue Machtkonstellation mit eigenem Wirtschaftsraum auf und durchbricht die bisherige monopolistische Weltordnung.
Westliche Medien lassen kaum eine Gelegenheit aus, China wegen angeblicher oder tatsächlicher Menschenrechtsverletzungen an den Pranger zu stellen. In der Tat unterscheidet sich das chinesische Menschenrechtsverständnis von dem, das der Westen – vor allem in der Theorie – pflegt. Nach chinesischer Sicht sind Menschenrechte immer auch im Kontext mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den Lebensumständen des Menschen zu sehen. Der Normalbürger in China geht davon aus, dass die Stabilität von Land und Gesellschaft ein hohes Gut sei, weshalb man auch bereit sein müsse, Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Der Zerfall der Sowjetunion steht vielen als abschreckendes Beispiel vor Augen. Dabei wären die Folgen einer ähnlichen Entwicklung in China mit über 1,3 Milliarden Menschen ungleich gravierender. Es ist nur zu hoffen, dass China nicht durch innere Unruhen, die von außen gesteuert werden, eines Tages aus dem Ruder läuft.
Ex oriente lux! China steht Europa kulturell näher als die sogenannte westliche Wertegemeinschaft, die nichts mehr mit der Vergangenheit Europas zu tun hat. Das haben Chirac und Schröder trotz ihrer sonstigen Fehler klar erkannt. Dagegen bemüht sich die aktuelle Bundesregierung ungleich mehr um die Beziehungen zu Israel als um jene zu China. Deutschland sollte die Freundeshand, die China ihm entgegenstreckt, nicht achtlos zurückweisen. Denn die Zukunft wird China und seinen Verbündeten gehören.
Lao LANG, Taicang
Bild: AUTOR LAO LANG AUF DEM OKTOBERFEST 2009 IN TAICANG - In der 450.000 Einwohner zählenden Stadt im Osten der Volksrepublik China organisierten deutsche Firmen zum vierten Mal ein „Exil-Oktoberfest“, das Chinesen genauso begeisterte wie „Langnasen“, sprich: Europäer.
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